
Oktober 2001 kam Rainald am Merve-Stand vorbei und ließ
sich mit Heidi Paris und dem Jahrzehnt der schönen Frauen,
seinem apokryphen Heute-Morgen-Annex (5.7) ablichten. Das
ist nun genau sieben Jahre her. Dann ergriff Goetz vier lange
Jahre nicht mehr öffentlich das Wort. Im Oktober 2005 ging
es langsam wieder los. Als Gast der Ö1-Radiosendung Von Tag
zu Tag sagte er: "Als Schriftmann will ich hier vor allem Fragen
stellen, zum Beispiel: Institutionenkunde, Architektur, Körper
im Raum, physiognomische Betrachtungen... Untersuchungen
am lebenden Objekt, vorwiegend während es spricht... auch
während es zuhört...".
Kurz zuvor war in Cicero die rätselhafte Houellebecq-Rezension
"Das Elend der Liebe" erschienen, die angenehm entmutigend
vor dem "Berliner Kaufhaus Lafayette" ausklingt: "Draußen ist
es inzwischen fast schon dunkel geworden. Der Herbst kommt.
Eine kleine asiatische Frau wird in Handschellen, mit auf den
Rücken gefesselten Händen, von zwei Polizisten über die Straße
zum Streifenwagen geführt. Sie hat ihr Gesicht nach hinten
gedreht, fragend. Der Freie darf sein Rad aufsperren, er setzt
sich darauf und radelt los. So radelte er hin."
Tschüss Büchner! Lenz hat jetzt ein Fahrrad, mit dem er dann
ab Februar 2007 zu VANITY geradelt sein wird, um als Schrift-
mann den Schriftmenschen schreibend beizustehn. Seit Juni
diesen Jahres fehlt uns bekanntlich dieser Beistand. Dafür liegt
klage jetzt als Buch vor. Der Winter ist gerettet. Während sich
das Biedermeier-Feuilleton bei Dresdner Christstollen an Uwe
Tellkamps Turm wärmt, beugen sich die Schriftmenschen über
die ersten 450 Seiten Schlucht und verzeichnen am Rand die
Varianten aus den von ihnen gespeicherten Posts. Mit etwas
Glück könnte eine kritische Ausgabe von klage vorliegen, ehe
Buch 6 abgeschlossen ist.
DER NEUZEITLICHE MENSCH
steht in der Irre
Donnerstag, 16. Oktober 2008
Schlucht
Donnerstag, 9. Oktober 2008
Presentimenti

Vgl. A Bachelor's Drawer vom 22. Juni 2008.
Mitte Juni 2008, New Yorks früheste Hitzewelle ging gerade
mit Rekordwerten ihrem Ende entgegen. Folge der extremen
Temperaturen: die Leute in Manhatten waren alle bisschen
nachlässiger gekleidet. Socken bekam man nur selten zu sehen,
dafür Shorts, kurzärmlige Hemden, Asiaschlappen so weit das
Auge reichte. Schöner Nebeneffekt der drückenden Hitze: die
Empfänglichkeit für das, was um einen herum vorging, wuchs.
Weniger schön: ein Text, der nicht rechtzeitig fertig geworden
war, mußte in versendbare Form gebracht werden (In Wahrheit
war ich/Nie verreist/Wie das Protokoll/Beweist). Als er dann
die Bleibe in Chelsea verlassen hatte, fiel ein Stein vom Herzen.
Endlich ging es ins Offene - manchmal auch ins Museum.
Donnerstag, 2. Oktober 2008
Zitierfreude

Januar 94 feierte Heiner Müller seinen 65. Geburtstag mit einem
Pasoliniabend im Berliner Ensemble. Auf dem Programm standen
La Ricotta, der Beitrag des italienischen Regisseurs zu RoGoPaG,
einer Kurzfilmanthologie von 1963, und die Lesung einer Auswahl
aus seinen Gedichten. Laura Betti, die in Pasolinis Film eine der
"Diven" spielt, war eingeflogen worden, um sie hingebungsvoll zu
rezitieren. Auf seine unnachahmliche Art, in einer Mischung aus
Nuscheln und Bellen, trug Müller deren deutsche Übersetzung vor.
Ob auch Io sono una forza del Passato / Solo nella tradizione è il
mio amore... ("Ich bin eine Kraft der Vergangenheit / Einzig der
Überlieferung gilt meine Liebe") dabei war, also jenes Gedicht,
das Orson Welles in der Rolle eines Regisseurs scheinbar vorträgt
(gesprochen wird der Text von Giorgio Bassani), habe ich vergessen.
Ehrlich gesagt, konnte ich mich gar nicht mehr daran erinnern, daß
Gedichte von Pasolini vorgetragen wurden. Es war der wunderliche
Kurzfilm, der mir im Gedächtnis blieb.
RoGoPaG stand für die vier Regessieure, die an dem Episodenfilm
beteiligt waren: Rossellini, Godard, Pasolini und Gregoretti. Sein
alternativer Titel lautet: Laviamoci il cervello, "Waschen wir uns
das Gehirn!" Bevor mit Rossellinis Illibatezza (Jungfräulichkeit,
Keuschheit, Unversehrtheit), einem Capriccio über Stewardessen,
Fernreisen und Super8 die erste Episode beginnt, erklärt ein Text:
"Vier Erzählungen von vier Autoren, die sich darauf beschränken,
von den heiteren Vorboten des Weltuntergangs zu berichten."
Die Gedichte von "Mamma Roma", Gedicht vom 13. Mai 1962:
Il popolo più analfabeta / e la borghesia più ignorante del mondo.
10. Juni 1962:
Io sono una forza del Passato.
Solo nella tradizione è il mio amore.
Vengo dai ruderi, dalle Chiese,
dalle pale d’altare, dai borghi
dimenticati sugli Appennini o le Prealpi,
dove sono vissuti i fratelli.
Giro per la Tuscolana come un pazzo,
per l’Appia come un cane senza padrone.
O guardo i crepuscoli, le mattine
su Roma, sulla Ciociaria, sul mondo,
come i primi atti della Dopostoria,
cui io assisto, per privilegio d’anagrafe,
dall’orlo estremo di qualche età
sepolta. Mostruoso è chi è nato
dalle viscere di una donna morta.
E io, feto adulto, mi aggiro
più moderno d'ogni moderno
a cercare i fratelli che non sono più.
Donnerstag, 25. September 2008
commentator

An entlegener Stelle, namentlich als Vorwort zu einem Buch
Emanuele Coccias, des letzten Averroisten, kommentiert Giorgio
Agamben die schöne Bonaventurastelle von den vier Arten, ein
Buch zu machen. Wir erinnern uns: "... quadruplex est modus
faciendi librum. Wer Fremdes schreibt, ohne etwas hinzuzufügen,
ist ein Schreiber (scriptor). Wer Fremdes schreibt und etwas
hinzufügt, das nicht von ihm selbst stammt, ist ein Kompilator
(compilator). Wer hauptsächlich Fremdes schreibt und Eigenes
zur Erklärung hinzufügt, heißt Kommentator (commentator). Wer
Eigenes und Fremdes schreibt, wobei das Eigene die Hauptsache
ist und das Fremde zur Bekräftigung hinzugefügt wird, ist ein Autor
(auctor)."
Donnerstag, 18. September 2008
Der Schacht von Babel

Als die Einstürzenden Neubauten 1996 ihren Schacht von Babel
gruben, mit edlen Hölzern verschalten und selbst den Strom für
das Licht drin verlegten, war es genau dreißig Jahre her, dass
Giorgio Agamben seinen gegraben hatte: in Form eines Artikels
für die Zeitschrift Tempo Presente. In dieser Zeitschrift, die wie
Der Monat in Deutschland, Preuves in Frankreich oder Encounter
in Großbritannien vom 1950 im Titania-Palast in Berlin-Steglitz
gegründeten Kongress für kulturelle Freiheit mit CIA-Geldern
subventioniert wurde, waren 1966 von dem, wie es in der Rubrik
"Anmerkungen zu den Mitarbeitern dieses Hefts" heißt, "jungen
Forscher auf dem Gebiet der französischen Literatur", der schon
Artikel in Il Mondo veröffentlicht habe und hoffe, in Kürze seine
"Baudelaire-Studie" abschließen zu können, drei in inhaltlichem
Zusammenhang stehende Beiträge erschienen: "Der 121. Tag von
Sodom und Gomorrha", "Fabel und Fatum" und "Der Schacht von
Babel".
Agambens Werk hätte sich selbstredend auch ohne diese suspekte
Anschubfinanzierung irgendwie Bahn gebrochen, dem Übersetzer
und Exegeten beantwortet die so entstandene Artikelserie jedoch
einige Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem ersten Buch des
italienischen Künstler-Philosophen stellen. Zunächst drängt sich die
Frage auf, wie der Titel des 1970 erschienenen Buches angemessen
zu übersetzen wäre: L'uomo senza contenuto. Soll man ihn Wort für
Wort übersetzen? Der Mensch ohne Inhalt? Die Frage der Richtigkeit
oder Angemessenheit einer Übersetzung, die in der Regel lediglich
eine Geschmacksfrage ist, kann in diesem Fall unmissverständlich
beantwortet werden. In Il pozzo di Babele (Der Schacht von Babel)
findet sich nämlich eine Stelle, die den entscheidenden Hinweis gibt:
"Was mit [Artaud] untergeht, ist der Feder-Mensch (l'uomo-penna), der
vierte Mensch, von dem Benn in seinem Essay über Nietzsche spricht,
der Mensch, der seinen Inhalt verloren hat (l'uomo che ha perduto il
suo contenuto) und nur noch den Form- und Ausdrucksprinzipien lebt."
In Benns Radio-Essay Nietzsche – nach fünfzig Jahren, der am 25. Aug.
1950 vom Nordwestdeutschen Rundfunk gesendet wurde, steht die von
Agamben übersetzte Passage in folgendem Kontext:
"Nietzsche, sehen wir heute, inaugurierte den »vierten Menschen«,
von dem man jetzt so viel spricht, den Menschen mit dem »Verlust
der Mitte« [...]. Der Mensch ohne moralischen und philosophischen
Inhalt, der den Form- und Ausdrucksprinzipien lebt. Es ist ein Irrtum,
anzunehmen, der Mensch habe noch einen Inhalt oder müsse einen
haben. Der Mensch hat Nahrungssorgen, Familiensorgen, Fortkommen-
sorgen, Ehrgeiz, Neurosen, aber das ist kein Inhalt im metaphysischen
Sinne mehr. [...] Der beschwörende Mensch ist nicht mehr da. Es ist
überhaupt kein Mensch mehr da, nur noch seine Symptome."
An dieser Stelle entfaltet Benn allerdings nur eine Diagnose, die er
kurz zuvor auf die konzisere Formel gebracht hatte, Nietzsche sei
"»der vierte Mensch«, von dem man jetzt soviel spricht, der Mensch
ohne Inhalt, der die Grundlagen der Ausdruckswelt schuf." Dieser, aus
philologischer Sicht sehr schöne Befund ("der Mensch ohne Inhalt"),
wirft nun aber grundsätzlichere Fragen auf. Ist es überhaupt statthaft,
den Titel von Agambens erstem Buch, mit dem Hinweis, es handle
sich um die Übersetzung eines Bennschen Syntagmas, nicht eigentlich
zu übersetzen, sondern rückzuübertragen? Ist das nicht Verrat an der
Aufgabe des Übersetzers? Hat sich nicht die Entscheidung, Agambens
Prägung "nuda vita" - trotz der nicht zu übersehenden Bezugnahme auf
Walter Benjamins "bloßes Leben" – mit "nacktes Leben" zu übersetzen,
als richtig erwiesen? Doch wäre es ein Gewinn, wenn man Il pozzo di
Babele – anstatt ihn in Kafkas Schacht von Babel rückzuübertragen –
mit Babylons Brunnen oder Die babylonische Höhle übersetzen würde?
Donnerstag, 11. September 2008
Pet Obedience School

"Der Kirchenlehrer Hieronymus [...] war in alle dogmatischen
Händel um die Wende zum 5. Jahrhundert verwickelt. Obwohl
er Rhetorik studiert hatte, zog ihn sein asketischer Eifer immer
wieder in die Wüste zu längerem Schweigen. Allerdings kehrte
er regelmäßig mit Geschriebenem in großer Menge zurück. Diese
Besonderheit seiner asketischen Strenge hat ihre Bildhaftigkeit
in der Konfiguration des »Hieronymus im Gehäus« gefunden: der
schreibende Eremit mit dem Wüstenlöwen als von Frömmigkeit
angestecktem Haustier." Mit diesen Worten beginnt ein kurzer
Kommentar Hans Blumenbergs zu einer Stelle bei Ernst Jünger.
Im Sanduhrbuch hatte der einmal, Dürers Kupferstich vor Augen,
die rhetorische Frage gestellt: "Wer möchte nicht teilhaben an
dieser Stille, inmitten der warmen hölzernen Täfelung, während
[...] vor dem Pult ein Löwe träumt, den man sich auch durch eine
Katze ersetzen kann?"
Blumenberg hatte sich über "die Harmlosigkeit des Löwen auf
Tafeln und Holzschnitten" schon immer geärgert. Dass Jünger
nun den Löwen durch einen "angeheimelten Feliden" ersetzt,
geht ihm jedoch entschieden zu weit. Ein gezähmtes Raubtier,
das die "Eremitagewache übernahm, damit der Theologe nicht
von Raubzeug gestört werde", würde Blumenberg ja noch gelten
lassen, doch eine Katze in der Studierstube, das riecht ihm zu
sehr nach "bürgerlicher Idylle". Eine genauere Betrachtung von
Antonello da Messinas Hieronymus, dessen Arbeitsplatz man nur
schwerlich als "bürgerliche Idylle" bezeichnen wird, zeigt aber,
dass auch in vorbürgerlichen Zeiten das nutzlose Haustier bei
Gelehrten durchaus im Trend lag: zwar geistert der Wüstenlöwe
noch durch das Kirchenschiff, der Zugang zum Lese-Gestell bleibt
jedoch "angeheimelten Feliden" vorbehalten (siehe oben; für den
Löwen vgl. Was ist ein Gehäus? vom 13. August 2008).
PS. Besonders rätselhaft ist Blumenbergs Deutung des von Dürer
"neben den schlafenden Löwen gelegten ebenso schlafenden Haus-
hündchens". Daß der Erfinder der Metaphorologie dieses Hündchen
nicht, wie es mit Blick auf den Übersetzer Hieronymus nahe läge,
als Symbol der Treue interpretiert, sondern als unverzichtbaren
Bestandteil "einer bürgerlichen Idylle", ist nur schwer nachzuvoll-
ziehen. Selbst das gefügige Hündchen, das Carpaccio in die Zelle
des Augustinus setzt, hat ja mit "Bürgerlichkeit" nichts zu tun. Es
repräsentiert vielmehr als nutzloses Haustier nichts anderes als
bedingungslose Regierbarkeit, ohne die es keine oikonomia Gottes
geben könnte.
Donnerstag, 4. September 2008
Philosophes et voyous

"Les voyous vont disparaître, die Voyous werden verschwinden"
hatte der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy Mitte Juni
2005 vor laufender Kamera erklärt. In der Nacht zum achten
November desselben Jahres rief er den Ausnahmezustand aus.
Auf Grundlage des Notstandsgesetzes von 1955 konnten nun
Ausgangssperren in den betroffenen Vorstädten angeordnet
werden. Auch Derridas Dekonstruktion (Voyous, Paris 2003)
des strategischen Begriffs état voyou (das heißt der offiziellen
französischen Übersetzung des amerikanischen Kampfbegriffs
rogue state, Schurkenstaat) hatte daran nichts ändern können.
Angesichts der Entwicklung, die das gerade einmal 180 Jahre
alte Wort voyou in den letzten Jahren genommen hat, stellt sich
die Frage, was Queneau dazu bewogen haben mag, es mit einem
der ehrwürdigsten Worte des Abendlands zusammenzustellen.
