Samstag, 13. Dezember 2008

Gusto filologico


Le pause di "Mamma Roma"
Diario al registratore
3. Mai 1962


Rosso Fiorentinos Kreuzabnahme (1521)


Pontormos Grabtragung Christi (1525-28)

Samstag, 6. Dezember 2008

Isola degli angeli


"Dreizehn Jahre streunte ich in einem wunderlichen Freige-
hege,
verbrütete die zweitbesten Zeiten meines Lebens in
einem erstaunlichen Torso, einer spürbar unvollständigen

Stadt. Obgleich ein Unbehauster, war ich zu Hause
nur zu
Haus – nur ein paar Ecken weit reichte die Sympathie,
das
reichte.
[...] Ich war nach Berlin gegangen, weil ich London
und New York City näher sein wollte – und nicht
Leipzig,
Brest oder Wroclaw. Was bedeuten Pomoschtsch,
Bolschoi
und Narodni? Ich verstehe weder Polnisch oder
Russisch noch
Serbisch oder Sorbisch. Ich war hierhergekommen,
weil ich
den Westen in zugespitzter, gleichwohl
auch teilannullierter
Form erleben wollte."

So steht es in
Zeuge der Einheit, der ersten von "sieben neuen
Lektionen", die
Der gelernte Berliner Bernd Cailloux seit dem
Mauerfall durchgenommen hat. Sie sind kürzlich bei Suhrkamp
erschienen. Wer Anfang Dezember
der Präsentation des West-
Berlin-Hefts der Zeitschrift für Ideengeschichte beiwohnte,
wird es bedauert haben, dass nicht Cailloux, sondern Schlögel
auf dem Podium saß. Denn
außer Ressentiment hatte der Ost-
europaexperte zum Gegenstand nichts beizutragen: Er habe
nichts sehnlicher erwartet, als die Abwicklung des Zustandes
"West-Berlin" und im übrigen bereits in den 70er Jahren der
Stadt den Rücken gekehrt. Ganz weit vorne habe er damit
gelegen; schließlich sei der Dichter Hans Magnus Enzensberger
seinem Beispiel gefolgt und habe Friedenau 1979 richtung
München verlassen...

Folglich waren die in der intellektuell verödeten Stadt
Zurück-
gebliebenen
von allen guten Geistern verlassen. Schon bald
soll diese Lücke jedoch von besseren Geistern geschlossen
worden sein. Man erzählt sich nämlich, dass sich eine kleine
Schar Engel Ende der 70er Jahre in den Neubau der Staats-
bibliothek einquartiert habe. Dort hätten sie sowohl den
Zurückgebliebenen als auch den Zugezogenen bei der Lektüre
beigestanden. Anders als die brillanten Geister, die der Stadt
den Rücken gekehrt hatten, sollen sie unaufdringlich gewesen
sein, so gut wie unsichtbar.



Theologen vermuten, dass diese Engel strafversetzt wurden,
weil man sie des Pelagianismus verdächtigte. Pelagius vertrat
bekanntlich den Standpunkt, dass die Gnade unverlierbar sei.
Doch wozu Engel, wenn der Mensch die Gnade nicht verlieren
kann, weil er wesentlich sündlos ist. Einem Gott, der davon
überzeugt ist, dass die Schöpfung zugrunde ginge, wenn sie
nicht unablässig gewartet werden würde, müssen Mitarbeiter
suspekt sein, die, statt Führungsqualitäten zu beweisen und
die Menschen zu lenken, sich darauf beschränken, ihnen
Beistand zu leisten.


Weder führen, noch lenken, nicht einmal schützen, sondern
einfach alles so irreparabel sein lassen, wie es ist. Nichts tun
außer den Menschen buchstäblich zu assistieren, bei ihnen zu
stehen, egal was sie tun. In der himmlischen Hierarchie steht
dieser Engels-Dienst Gott allein zu. In West-Berlin wurde er
versuchsweise am Menschen ausgeübt. Das Ergebnis war ein
neuer Künstlertypus: der geniale Dilletant (Dilettantismus
plus Engel: [v.l.n.r.] Otto Sander als Engel Cassiel, Blixa Bar-

geld und Nick Cave).

Sonntag, 30. November 2008

Advent


Allem Anschein nach hat das Warten auf Das Reich und die
Herrlichkeit
nun bald ein Ende. Lediglich einige, die Wahl
der Worte betreffende Fragen sind noch offen. Diese jedoch
haben einen fatalen Hang zur Aporie. Die Schwierigkeiten
beginnen bereits bei der Übersetzung des Titels: Il Regno e
la
Gloria. Unwillkürlich denkt man an die Doxologie, die das
Vater unser beschließt:
Tuo il regno, Tua la potenza e la
gloria nei secoli dei secoli ("Denn Dein ist das Reich und die
Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit")
. Ist diese Anspielung
gewollt? Einiges spricht dafür. Immerhin kulminiert das Buch
in einer "Archäologie der Herrlichkeit" (Archeologia della gloria),
wie das achte und letzte Kapitel überschrieben ist. Ein Bezug
zur Doxologie ist also gegeben. Denn Doxologie bezeichnet
bekanntlich das feierliche, gebetsabschließende Rühmen der
Herrlichkeit Gottes (von griechisch: doxa, im Bibelgriechisch
Übersetzung für hebr. kabód; lat. Äquivalent gloria
). Ein Buch,
das der Frage nachgeht, "weshalb die Macht der Herrlichkeit,
also jenes liturgisch-zeremoniellen Aufwands, der seit jeher
um sie betrieben wird, bedarf", wird naheliegenderweise auch
auf den akklamatorischen Aspekt der Liturgie eingehen müssen.


Die Vorbereitung des Thrones, Sankt Paul vor den Mauern, Rom

Zunächst scheint die Übersetzung des Titels also alles andere
als problematisch zu sein. Im Rückgriff auf die deutsche Fassung
der Lobpreisung erhält man den schönen Titel Das Reich und die
Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und
Regierung. Allerdings ist die Freude über den gelungenen Titel
nur von kurzer Dauer. Denn das vierte Kapitel heißt Il regno e il
governo. Ausgehend von dem "geflügelten Wort" le roi règne, mais
il ne gouverne pas ("der König herrscht, regiert jedoch nicht")
präpariert Agamben hier aus der merkwürdigen Gestalt des rex
inutilis die strategische Unterscheidung von Herrschen und Regieren,
das Paradigma
Herrschaft / Regierung (paradigma Regno / Governo)
heraus. In diesem Zusammenhang tut man sich schwer, regno mit
"Reich" zu übersetzen. Auf deutsch muss der Titel des 4. Kapitels
Herrschaft und Regierung lauten. Doch was bedeutet das für den
Titel des Buches. Sollte man ein so zentrales Wort nicht einheitlich
übersetzen und von dem Verweis auf die Doxologie absehen? Dann
hieße das Buch Herrschaft und Herrlichkeit. Auch ein schöner Titel.

Sonntag, 23. November 2008

Tiqqun


Tiqqun, Theorie vom Bloom, Zürich-Berlin, diaphanes, 2003.

Am 19. November 2008 erschien in Liberation ein von Martin
Rueff übersetzter Artikel Giorgio Agambens mit dem Titel:

Terrorismus oder Tragikomödie

Im Morgengrauen des 11. November umstellten 150 Polizisten,
überwiegend Angehörige von Antiterroreinheiten, ein 350-Seelen-
Dorf auf der Hochebene von Millevaches, bevor sie einen Bauern-
hof stürmten und neun junge Leute festnahmen - die
die Épicerie
übernommen hatten
, um das kulturelle Leben des Dorfes wieder-
zubeleben. Vier Tage später sind die neun Verhafteten einem
Antiterrorrichter vorgeführt worden: die Anklage lautete auf
»kriminelle Vereinigung in terroristischer Absicht«. Die Zeitungen
berichten, dass sich der Innenminister und der Staatschef »bei
der Polizei und der Gendarmerie für ihren Diensteifer (diligence)
bedankt haben«. Es scheint also alles in Ordnung zu sein. Wir wollen
die Fakten jedoch etwas genauer betrachten, um den Grund und das
Ergebnis dieses »Diensteifers« besser beurteilen zu können.

Zunächst der Grund: Die jungen Leute standen »unter polizeilicher
Beobachtung, weil sie der extremen Linken, der anarcho-autonomen
Bewegung angehören«. Aus dem Umfeld des Innenministers heißt es
ergänzend, dass »sie sehr radikale Meinungen
vertreten und
Verbindungen zu ausländischen Gruppierungen unterhalten«. Doch
damit nicht genug: Einige der Verhafteten »nehmen regelmäßig an
politischen Demonstrationen teil«, zum Beispiel »an der gegen die
Edvige-Datei und der gegen die Verschärfung der Maßnahmen gegen
Einwanderung«. Politische Parteinahme (welche Bedeutung könnte
ein Wortungetüm wie »anarcho-autonome Bewegung« sonst haben),
die aktive Ausübung politischer Freiheiten, die Äußerung radikalen
Gedankenguts sind also Grund genug, um die Anti-Terror-Abteilung
der Polizei
, die Sous direction antiterroriste de la police (SDAT) und
das Zentralbüro des Nachrichtendienstes, die Direction centrale du
renseignement intérieur
(DCRI) in Bewegung zu setzen. Nun wird
jedoch jeder, der ein Mindestmaß an politischem Bewusstsein besitzt,
angesichts der Einschränkung der demokratischen Rechte durch die
Edvige-Datei, der biometrischen Dispositive und der Verschärfung
der Einwanderungsbestimmungen die Beunruhigung dieser jungen
Leute teilen.

Nun zu den Ergebnissen: Man wird erwarten, dass die Ermittler auf
dem Bauernhof von Millevache Waffen, Sprengstoff und Molotow-
Cocktails gefunden haben. Weit gefehlt. Die Polizeibeamten der
SDAT fanden »Dokumente, die Angaben dazu enthalten, wann die
Züge die jeweilige Gemeinde passieren, und ein Verzeichnis der
Ankunfts- und Abfahrtszeiten für jeden Bahnhof«. Auf gut deutsch:
einen Fahrplan der SNCF. Darüber hinaus wurde »Klettergerät«
sichergestellt. Auf gut deutsch: eine Leiter, wie man sie in jedem
x-beliebigen Bauernhaus finden kann.

Wenden wir uns schließlich den festgenommenen Personen zu, vor
allem der Person des mutmaßlichen Chefs dieser Terrorbande, »dem
33-jährigen
Anführer, der aus einem wohlhabenden Pariser Milieu
stammt und von der Unterstützung seiner Eltern lebt«. Es handelt
sich um Julien Coupat, einen jungen Philosophen, der vor einigen
Jahren mit Freunden die Zeitschrift Tiqqun ins Leben gerufen hat,
deren politische Analysen man zwar nicht in jedem Punkt teilen muss,
die jedoch bis heute zum Intelligentesten gehören, was diese Zeit
vorzuweisen hat. Ich lernte Julien Coupat seinerzeit kennen und habe
v
om intellektuellen Standpunkt aus betrachtet vor ihm auch heute
noch die größte Hochachtung.

[...]

Sonntag, 16. November 2008

Flora Petrinsularis

 

"Die Unthätigkeit (oisiveté), welche ich liebe, ist nicht die eines Faulenzers (fainéant), der mit übereinandergeschlagnen Armen, in gänzlicher Erstarrung (inaction totale) dasitzt, und eben so wenig denkt, als er thut. Es ist zugleich die eines Kindes, das immer in Bewegung ist, ohne etwas zu beschicken (pour ne rien faire), und die eines Schwätzers (radoteur), der mit seinen Gedanken umherschweift, indeß seine Arme ruhig bleiben. Ich mag gern mich mit Kleinigkeiten beschäftigen (j'aime à m'occuper à faire des riens), hundert Dinge anfangen, und kein einziges vollführen (achever), gehn und kommen, wie mir mein Kopf die Grille eingiebt, jeden Augenblick einen andern Entwurf machen (changer de projet), eine Fliege in allen ihren Beschäftigungen verfolgen, denken, wie ich einen Felsen ausgraben wollte, um zu sehn, was darunter liegt, ein Geschäft von zehn Jahren mit Eifer anfangen (entreprendre un travail de dix ans), und es ohne Reue nach zehn Minuten wieder aufgeben (abandonner), mit Einem Worte! den ganzen Tag hindurch ohne Ordnung und ohne Folge arbeiten (muser toute la journée sans ordre et san suite), und in allen Dingen nur der Grille des Augenblicks (caprice du moment) folgen." Zu den ergiebigsten Fundstellen der Archäologie der deutschen Übersetzungen des französischen Wortes désœuvrement zählen Rousseaus Bekenntnisse, in denen es sechsmal auftaucht. Die Confessions erschienen bekanntlich erst nach Rousseaus Tod: 1782 das erste bis sechste Buch, 1788 das siebte bis zwölfte. Sie wurden umgehend ins Deutsche übertragen. Noch im selben Jahr wie die französische Ausgabe erschien der erste Teil in Berlin bei Johann Friedrich Unger. Sowohl das Startkapital für dessen Verlag als auch die Übersetzung stammten von der Frau des Verlegers: Friederike Helene Unger. Den ebenfalls von Unger verlegten zweiten Band (Berlin 1790) hatte dann Adolph Freiherr Knigge ins Deutsche übertragen. Das vorangestellte Zitat findet sich im zwölften Buch. "Die Kräuterkunde, so wie ich sie immer betrachtet habe, und so wie sie anfieng zur Leidenschaft bey mir zu werden, war gerade ein Studium von so unthätiger Art (étude oiseuse), fähig die ganze Leere meiner müßigen Stunden (le vide de mes loisirs) auszufüllen, ohne darinn Raum für die Schwärmerey der Einbildungskraft (délire de l'imagination), noch für die Langeweile eines ganz geschäftlosen Lebens (ennui d'un désœuvrement total) zu lassen. Nachläßig in Wäldern und auf Wiesen herumirren (errer nonchalamment); ohne Bedacht (machinalement) dies und jenes aufnehmen, bald eine Blume, bald einen Zweig; es dem Ungefähr überlassen, meinem Hunger nach Kenntnissen Nahrung zu verschaffen (brouter mon foin presque au hasard); tausend- und wieder tausendmal dieselben Dinge beobachten, und immer mit gleichem Interesse, weil ich sie jedesmal wieder vergaß; das war das Mittel, eine Ewigkeit hinzubringen, ohne je einen Augenblick Langeweile haben zu können."

Sonntag, 9. November 2008

Nacktheit vs. Blöße


Wer auch immer das Buch Agambens übersetzen wird, das
demnächst bei den edizioni nottetempo erscheinen soll,
sie oder er wird zunächst ein Problem lösen müssen: Wie
dessen Titel zu übersetzen sei. Der soll allem Anschein nach
nämlich Nudità lauten. Wofür soll man sich entscheiden, für
Nacktheit oder Blöße? Es ist die alte Frage
: die "dekonstruktive"
Lösung oder die "strategische"? Denn "strategisch" war die
Entscheidung für "nacktes Leben" in doppelter Hinsicht: Zum
einen sollte sie Agambens Konzept von Benjamins Prägung
(bloßes Leben) abheben, zum anderen war sie implizit gegen
die Vereinnahmung Agambens durch eine dekonstruktive
Lesart gerichtet. Wir erinnern uns:
Im Januar 2001, mehr als
ein Jahr bevor
Hubert Thürings Übersetzung des ersten Teils
von Homo sacer bei Suhrkamp erschien, brachte die Zeitschrift
Literaturen ein Gespräch, das Hanna Leitgeb und Cornelia
Vismann mit dem italienischen Philosophen in Venedig geführt
hatten. Diesem Gespräch nachgeschaltet war ein Text Anselm
Haverkamps, der "Giorgio Agambens Werk" im "größeren
philosophischen Kontext verorten" sollte.

In diesen, wie es im Untertitel heißt, "Anmerkungen zu einem
lebenswichtigen Buch" geht Haverkamp auf den Zusammenhang
von Agambens nuda vita mit Benjamins bloßem Leben erst gar
nicht ein. Vielmehr scheint er seine Entscheidung für "bloßes
Leben" aus den Worten selber ableiten zu wollen: "«Homo sacer»
sucht den politischen Sachverhalt an der rechtlichen Quelle auf,
dem Ursprung der Verwaltung «bloßen Lebens». [...] Es sind die
Substrukturen des römischen Reichs, in denen das Dasein zum
ersten Mal zu bloßem Leben wird. Agambens Verfallsgeschichte
des Daseins ist die Entblößungsgeschichte des Lebens. Denn
dessen Blöße ist keine natürliche Nacktheit, sondern wird durch
juristische Entblößung verursacht." Diese allem Anschein nach
stringente Argumentation verunsicherte mich damals ein wenig.
Denn sie rief mir in Erinnerung, dass ich mich 1998, als ich den
kurzen Aufsatz Die absolute Immanenz übersetzte, nach langem
Abwägen schließlich für die "natürliche Nacktheit" entschieden
hatte: "In der Geschichte der abendländischen Wissenschaft
stellt die Absonderung dieses nackten Lebens ein in jedem Sinn
grundlegendes Ereignis dar" (Bartleby oder die Kontingenz gefolgt
von Die absolute Immanenz
, Berlin, Merve, 1998, S. 107).

Deshalb erwartete ich das Erscheinen der deutschen Übersetzung
von Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vita mit besonderer
Spannung. Wie würde der Untertitel auf deutsch lauten? 2002 war
es dann endlich soweit. Ich hielt mein Exemplar in den Händen und
las nicht ohne eine gewisse Genugtuung: "Die souveräne Macht und
das nackte Leben". In den "Anmerkungen zur Übersetzung und zur
Zitierweise" wurde diese Wortwahl folgendermaßen kommentiert:
"Trotz des eindeutigen Bezugs auf Walter Benjamins bloßes Leben
wurde, nach Abwägung der Bedeutungsfelder und zur Unterstreichung
der eigenständigen Entwicklung und Prägung des Begriffs durch den
Autor, la nuda vita mit das nackte Leben übersetzt." Selbstredend
war mit diesem Kommentar der Streit um die Wahl der Worte alles
andere als entschieden. Das gerade Gegenteil war der Fall: Nun
hatten die zwei Lager, aus denen sich die ersten Agambenianer im
deutschen Sprachraum rekrutierten auch ihr Schibboleth: Welches
Attribut kommt dem Leben des homo sacer zu? (Ironischerweise
enthält diese Frage selbst das S[ch]ibboleth 'sazer'/'saker'.)

Im Frühjahr 2005 erhielt die Frage nach Nacktheit und Blöße eine
entscheidende Wendung.
Auf Einladung des Wissenschaftkollegs
hielt sich Agamben für zwei Monate in Berlin auf. Und bereits in
unserem ersten Gespräch kam Agamben darauf zu sprechen, dass
seine deutschen Freunde ein Problem mit der Übersetzung des
Homo sacer hätten, vor allem mit der Übersetzung von nuda vita.
Er fragte mich, wie ich zu dem Problem stehen würde. Gerade
war Eva Geulens Giorgio Agamben zur Einführung bei Junius
erschienen. Dort waren die Vorbehalte der "deutschen Freunde"
unter dem Zwischentitel Das nackte Leben (Aristoteles, Foucault,
Benjamin) noch einmal rekapituliert worden: "Auf die Frage, was
Gegenstand der ausschließenden Einschließung in der Ausnahme
ist, antwortet das »nackte Leben« im Untertitel seines Buches.
Das dem Recht oft als vorgängig angenommene, eigentlich aber,
so argumentiert Agamben, von ihm qua Herausnahme erst
konstituierte Phänomen ist also das bloße Leben. Das nackte
oder bloße (und entblößte) Leben ist nicht eine vorgängige
Substanz, sondern ein nach Abzug aller Formen verbleibender
Rest". So bestrickend diese Denkfigur auch sein mochte, ich
verteidigte tapfer das "nackte Leben".

Ein paar Tage später traf ich Agamben zufällig wieder: in der
Schlange der Wartenden, die zu Vanessa Beecrofts Performance
in der
Neuen Nationalgalerie wollten. Er wurde von Jennifer Allen
begleitet, die später in einem Internetmagazin von dem Abend
berichtete: "Als wir schließlich unsere Nasen gegen Mies' grandiose
Vitrine pressten, konnte Agamben seine Enttäuschung nur schlecht
verbergen: «Pantyhose. . . ma no!» Der italienische Philosoph begann
von der «vita nuda» zu sprechen und stellte mir eine Frage, die ihn
schon seit Jahrzehnten beschäftigen würde. «How do you imagine
people in the perfect world: dressed or naked?»" Auf Allans Antwort,
dass "Nackheit nur ein anderes outfit sei" soll er erwidert haben:
"For theologians, there was no nudity in paradise. Adam and Eve
discovered their nudity only after the Fall, when they covered their
genitals with fig leaves." Am nächsten Tag klingelte bei mir das
Telefon. Agamben war am Apparat. Die Veranstaltung habe ihn
dermaßen verärgert, dass er sich mit einem "kleinen Text" habe
Luft machen müssen. Wenig später öffnete ich ein Dokument mit
dem Arbeitstitel: Sulla nudità. Die Übersetzung erschien am 12.
April unter dem von der Redaktion gewählten Titel Das verlorene
paradiesische Kleid in der FAZ. Eigentlich hätte er Teologia della
nudità, also Theologie der Nacktheit oder Blöße lauten sollen.

Im Rückblick glaube ich sagen zu können, dass Theologie der Blöße
wohl die beste Wahl gewesen wäre. Denn im Zentrum des kurzen
Textes steht das Zitat eines "modernen Theologen", anhand dessen
Agamben beweisen möchte, dass Vanessa Beecroft "in rückhaltloser
Komplizenschaft mit der christlichen Theologie, mit der sie, ohne
sich dessen bewußt zu sein, völlig gesättigt war, nichts anderes
ausstellt als die Unmöglichkeit der Nacktheit". Den Namen seines
theologischen Gewährsmanns gibt Agamben jedoch im Text nicht
preis. Mittlerweile dürfte dessen Identität ein offenes Geheimnis
sein. Bei dem Zitat handelt sich um eine Stelle aus Erik Petersons
Artikel
Theologie des Kleides, der 1934 in der Benediktinischen
Monatschrift
erschien. Liest man diesen "kurzen Text" ganz, kann
man gar nicht übersehen, dass Agamben in seiner "Besprechung"
der Per
formance einen versteckten Kommentar zum Streit um
nacktes vs. bloßes Leben gibt. Im Licht der Ausführungen des
Theologen Peterson erhalten die Argumente Haverkamps und
Geulens nämlich einen besonderen Glanz:

"Von einer Nacktheit des Körpers zu sprechen, die sichtbar
geworden ist, weil einem »die Augen aufgetan« worden sind,
hat aber nur unter der Annahme einer vorausgegangenen
Entkleidung einen Sinn. Erst die Entblößung des Leibes führt
zu der Wahrnehmung des nackten Körpers, und so mußte
denn auch zuerst die »Entblößung« des Leibes des ersten
Menschen eingetreten sein, ehe sie sich der »Nacktheit«
ihres Körpers bewußt werden konnten. Diese »Aufdeckung«
des Leibes, die die »nackte Körperlichkeit« sichtbar werden
läßt, diese schonungslose Entblößung des Leibes mit allen
Kennzeichen seiner Geschlechtlichkeit, die als Folge der
ersten Sünde für die jetzt »aufgetanen Augen« sichtbar wird,
läßt sich nur unter der Annahme begreifen, daß vor dem
Sündenfall »bedeckt« war, was jetzt »aufgedeckt« wird, daß
vorher verhüllt und bekleidet war, was jetzt enthüllt und
entkleidet wird."

Vor diesem Hintergrund wird man wohl vermuten dürfen, dass
die "politischen Überlegungen", die den FAZ-Artikel beschließen,
nicht nur gegen die von Beecroft betriebene "Komplizenschaft
von Ware und Theologie" gerichtet waren, sondern auch auf
die theologischen Bestände dekonstruktiven Denkens zielte:
"Was wir wiederfinden müssen, ist Adams Nacktheit, bevor Gott
ihm das Glorienkleid überstreifte. Jedoch weder als verlorenen
Naturzustand noch als Verheißung eines kommenden, sondern
als etwas, das wir hier und heute Stück für Stück von dem
theologischen Gewebe befreien müssen, das es umhüllt."

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Philosophie der Übersetzung


Wie wir sahen ist der Titel des ersten Buches von Giorgio
Agamben (Mailand, Rizzoli, 1970) die Übersetzung eines
Syntagmas, das Gottfried Benn in seinem Nietzsche-Essay
von 1950 verwendet hatte. Zumindest legt dies ein kurzer
Aufsatz des italienischen Philosophen nahe, der vier Jahre
vor der Veröffentlichung seines Erstlingswerks im November
1966 in der Zeitschrift Tempo presente erschienen war (vgl.
Der Schacht von Babel vom 18. September 2008).
Stellt man
in Rechnung, dass auch der Titel dieses Artikels (Il pozzo di
Babele
) eine Übersetzung ist (nämlich von Kafkas "Schacht
von Babel"), schöpft man den Verdacht, Agamben habe den
Walter Benjamin unterstellten Wunsch, ein Buch zu schreiben,
das nur aus Zitaten besteht, von Beginn an in die Tat umgesetzt.
Dass sich dieser Verdacht bereits auf den ersten Seiten von Der
Mensch ohne Inhalt
erhärtet, mag den sogenannten belesenen
Leser erfreuen. Dem Übersetzer wird dieses Verfahren hingegen
zum Problem. Will er die versteckten Zitate nicht rückübersetzen,
muss er entweder der belesenste aller Leser oder der virtuoseste
aller Suchmaschinenbenutzer sein, oder beides.


Schlägt man Agambens erstes Buch auf, das Giovanni Urbani, dem
Restaurator und nachmaligen Direktor des Istituto Centrale per il
Restauro in Rom "als Zeichen der Freundschaft und Dankbarkeit"
gewidmet ist, blickt man zunächst auf die Überschrift des ersten
Kapitels: La cosa più inquietante. Wie soll man sie übersetzen?
Als "Das Beunruhigendste" oder "Das Beängstigendste"? Wohl nur
mit einem gewissen Unbehagen. Glücklicherweise gibt der Autor
in diesem Fall recht eindeutige Hinweise. Denn Agamben benutzt
den Superlativ "più inquietante" auf den folgenden Seiten zweimal:
im ersten Kapitel in der Übersetzung einer Stelle des ersten Chors
der Antigone des Sophokles und ein weiteres Mal im dritten Kapitel
in einer durch Anführungszeichen als Zitat ausgewiesenen Wortfolge
(quel "più inquietante di tutti gli ospiti" che è il Nihilismo europeo).
Kennt man sich etwas mit Heidegger und Nietzsche aus, weiß man,
welche Stellen Agamben hier übersetzt: Nietzsches "unheimlichsten
aller Gäste" und Heideggers Interpretation der Antigone-Stelle ("Der
Mensch ist mit einem Wort to deinotaton, das Unheimlichste").