Sonntag, 31. Oktober 2010

Monreale


In unserer Kultur trägt die Nacktheit eine unauslöschliche
theologische Signatur. Jeder kennt die Erzählung der Ge-
nesis, der zufolge Adam und Eva erst nach dem Sündenfall
ihre Nacktheit bemerkten. „Da wurden ihrer beider Augen
aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren“
(Gen 3,7). Den Theologen zufolge sei dies nicht einfach
damit zu erklären, dass eine vorausgegangene Unbewusst-
heit mit der Sünde verlorengegangen wäre. Vielmehr seien
sie vor dem Sündenfall – wenn auch in kein menschliches
Gewand gekleidet – nicht nackt gewesen: Ein Kleid der Gna-
de bedeckte sie, die Glorie umhüllte sie wie mit einem Ge-
wand (in der jüdischen Version dieser Lesart, die man bei-
spielsweise im Zohar finden kann, ist von einem „Lichtkleid“
die Rede). Dieses übernatürlichen Kleides wurden sie durch
die Sünde beraubt.

Nunmehr entblößt, waren sie gezwungen, sich zu bedecken:
erst mit einem Schurz aus Feigenblättern, den sie eigenhän-
dig hergestellt hatten („[Sie] flochten Feigenblätter zusam-
men und machten Schürze“), später, bei ihrer Vertreibung
aus dem Paradies, indem sie die Tierhäute anzogen, die Gott
für sie angefertigt hatte. Es gab also nur zwei Momente der
Nacktheit für unsere Urahnen im irdischen Paradies: ein erstes
Mal in der vermutlich sehr kurzen Zeit zwischen dem Gewahr-
werden der Nacktheit und der Herstellung des Schurzes, ein
zweites Mal, als sie das Feigenblatt ablegten, um die Fellröcke
anzuziehen.

Giorgio Agamben, Nacktheiten, S. Fischer Wissenschaft, Frank-
furt am Main 2010.

Dienstag, 21. September 2010

Die Folter endet nie


Fußende des 1958 von Josef Höntgesberg gestalteten Sarko-
phags mit den Gebeinen Johannes’ Duns Scotus in der Mino-
ritenkirche in Köln: SCOTIA ME GENUIT/ANGLIA ME SUSCEPIT/
GALLIA ME DOCUIT/COLONIA ME TENET.

»Ita etiam isti qui negant ens ›contingens‹, exponendi sunt
tormentis, quousque concedant quod possibile est eos non
torqueri.«

Dienstag, 24. August 2010

Eilmeldung


Rote Karte für Sina Najafi. Erst jetzt wird bekannt, dass
Sina Najafi, der Editor-in-chief des New Yorker Magazins
Cabinet am 22. Mai dieses Jahres auf den Red Hook ball
fields in Brooklyn des Platzes verwiesen wurde. Das Team
des Cabinet Soccer Club wartete auf seinen Gegner aus
Istanbul: Beşiktaş FC. Dieser war mittels Postkarten, die
dem Winter-2009/10-Heft von Cabinet beigefügt waren,
von den Lesern zu einem Freundschaftsspiel in Brooklyn
eingeladen worden: „As you know, Brooklyn and
Beşiktaş
are sister cities, a relationship that fills our hearts with
joy. To further encourage the bonds of friendship between
our two cities, we, the supporters of the Brooklyn-based
Cabinet Soccer Club, hereby challange you to a football
(what we call "soccer") match to be played in Brooklyn's
Prospect Park on Saturday, 22 May 2010, at 6 pm.“

Beşiktaş Istanbul trat nicht an. Das Cabinet-Team (Claire
Lehmann, Laura Harmon, Richard Fleming, James Burns,
Alexander Nagel, Simon Critchley, Alexandra Cardia, Lau-
rel Braitman, Paul Fleming, Sina Najafi, Kristofer Widholm,
Hakan Topal, Heather Wagner und Nina Katchadourian) war-
tete vergeblich. Irgendwann erklärt
Schiedsrichter Leland
de la Durantaye den Cabinet SC zum Sieger. Es hätte ein
Spaziergang werden können: Kampflos besiegt die schlaffe
Truppe aus Brooklyn den türkischen Meister. Doch Herr Na-
jafi, des Wartens müde, ließ sich dazu hinreißen, das eben
erschienene Agambenbuch des Schiedsrichters zu kommen-
tieren. Dafür darf man schon mal die Rote Karte zücken.

Sonntag, 15. August 2010

Ferragosto 2010


Giorgio Agamben, Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theo-
logischen Genealogie von Ökonomie und Regierung (Homo
sacer II.2), es 2520, 368 Seiten, 20,00 € (16. Aug. 2010).

Anders als das Englische gehört das Deutsche zu den ger-
manischen Sprachen, die weder lateinisch noch romanisch
kultiviert worden sind. Dies hat zur Folge, daß der etymo-
logische Zusammenhang nahezu aller Begriffe, die im Zen-
trum der vorliegenden »theologisch-genealogischen« Unter-
suchung stehen, bei ihrer Übertragung ins Deutsche verlo-
rengehen mußte. Der Titel des Buches zählt diese Schlüssel-
begriffe auf: Il Regno e la Gloria. Per una genealogia teolo-
gica dell’economia e del governo.

Lediglich das Wort economia aus dem Untertitel konnte ein-
heitlich mit »Ökonomie« übersetzt werden […]. Gloria […]
wurde bis auf wenige Stellen, an denen es […] als »Ruhm«
oder »Ehre« übertragen werden mußte, mit »Herrlichkeit«
übersetzt […]. Als besonders folgenschwer erwies sich die
sachlich notwendige Entscheidung, das Wort regno (»Reich«,
»Herrschaft«) nur in Kombination mit Gott (regno di dio,
»Reich Gottes«) mit »Reich« zu übersetzen, in allen ande-
ren Fällen aber mit »Herrschaft«. Notwendig war die Ent-
scheidung, weil Agamben das terminologische Gegensatz-
paar Regno/Governo, das seiner Rekonstruktion der abend-
ländischen »Regierungsmaschine« zugrunde liegt, aus der
französischen Formel Le roi règne, mais il ne gouverne pas
ableitet. Nun muß dieses »geflügelte Wort«, das Agambens
Gewährsmänner Peterson, Schmitt und Foucault an zentra-
ler Stelle zitieren, aller etymologischen Folgerichtigkeit
zum Trotz als »Der König herrscht, aber regiert nicht« über-
setzt werden. Daraus folgt, daß das zentrale Gegensatzpaar
[…] auf deutsch »Herrschaft/Regierung« heißt, wobei »Herr-
schaft« nicht als Herrschaftsbereich verstanden werden darf.
Es meint vielmehr die […] schwer faßbare Tätigkeit des Herr-
schens selbst[…]. Dasselbe gilt für den zweiten Term der Op-
position: »Regierung« bezeichnet nicht das von einem Regie-
rungschef geleitete Kollektiv der Minister, sondern die Tätig-
keit des Regierens, […] die konkrete Durchsetzung der formal
herrschenden Gesetze. Bleibt anzumerken, daß auch governo
nicht einheitlich mit »Regierung« resp. »Regieren« übersetzt
werden konnte. Anders als das […] unspezifische Wort »regie-
ren« entstammt governare dem nautischen Bereich. Das la-
teinische gubernare leitet sich [vom] griechischen κῠβερνάω
ab und bedeutet wie dieses ursprünglich »Steuermann sein,
das Steuerruder führen oder lenken, etwas steuern«. Wann
immer diese handgreiflichere Bedeutung des Regierens in
[…] Agambens Argumentation in den Vordergrund trat, wur-
de governo als »Lenkung«, governare als »lenken« übersetzt.

Diesen Überlegungen ist auch der deutsche Titel des Buches
geschuldet: Herrschaft und Herrlichkeit. Er ist insofern er-
klärungsbedürftig, als der Titel des Originals (Il Regno e la
Gloria) unübersehbar auf die das Vaterunser beschließende
Doxologie anspielt: Tuo il regno, Tua la potenza e la gloria
nei secoli dei secoli (»Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit«). Dies sprach zunächst für
den Titel Das Reich und die Herrlichkeit, der jedoch auf-
grund der dargelegten Bedenken nicht in Frage kam.

(Aus der »Notiz des Übersetzers«, S. 354f.)

Montag, 26. Juli 2010

Marbach am Neckar


„In Wahrheit war ich nie verreist.“ (Montag, 19. Juli 2010)

Sonntag, 13. Juni 2010

Gesang des Tyrannen



Pindars Zweite Pythische Ode ist dem Tyrannen Hieron I.
von Syrakus gewidmet, an dessen Hof sich der Dichter in
den Jahren 476 bis 474 v. Chr. aufhielt. Sie besingt einen
Sieg, den der „kunstliebende“ Tyrann im Wagenrennen er-
rungen hatte. Um 1800 n. Chr. hat Hölderlin den Gesang
„ins Deutsche“ übertragen. Hölderlins Fassung der ersten
Strophe lautet wie folgt:

Grosstädisches o Syra-
kusä, des tiefkriegenden
Altar des Ares, von Männern
Und Rossen, eisenerfreuten
Dämonische Nährerin,
Euch diesen vom üppigen Thebä
Bringend den Gesang komm ich,
Die Botschaft des Wagenkampfes des erderschütternden,
Der wagenkundige Hiero, in welchem siegend
Mit weithinglänzenden ange-
bunden hat Ortygia mit Kronen,
Der stromliebenden Siz der Artemis
Ohn welche nicht in weichen
Händen er die buntgezäumten
Bezähmt hat, die Füllen.

HIAPON O ΔEINOMENEOΣ / KAI TOI ΣYPAKOΣIOI / TOI ΔI
TYPPANON AΠO KYMAΣ

Freitag, 7. Mai 2010

Ein leiser Hauch



Kunst und Terror; der Ursprung des guten Geschmacks und
seine Beziehung zur Perversion; der Einzug der Kunst in Mu-
seen und Sammlungen; die Trennung von Künstler und Be-
trachter, Genie und Geschmack; die Entstehung der Kritik –
mit anderen Worten: die Geburt der modernen Ästhetik ist
Gegenstand dieser Untersuchung, die mit einer Relektüre
der Hegelstellen über den Tod, oder vielmehr die »Selbst-
vernichtung« der Kunst beginnt, um in einer höchst eigen-
willigen Interpretation von Dürers Melencolia zu münden.
Ihm auf diesem Weg zu folgen, lädt uns der ungewöhnlich
reiche Essay ein, mit dem Agamben nicht nur eine neue Per-
spektive auf das Problem des Kunstwerks eröffnet, sondern
auch ein fesselndes poetisches Programm entwirft. Mit Kafka
davon überzeugt, dass die architektonische Grundfrage zum
ersten Mal im brennenden Haus aufgeworfen wird, betreibt
Agamben im Rahmen seiner Untersuchung eine regelrechte
»Zerschlagung« der Ästhetik, die uns durch die Erschütterung
unseres gewohnten Kunstverständnisses den wahren Sinn des
ästhetischen Projekts des Abendlandes vor Augen führen und
so seine Überwindung ermöglichen soll. Als Ariadnefaden
dient die Trennung von Künstler und Betrachter, von einer
Kunst, wie sie dem Künstler und einer Kunst, wie sie dem Be-
trachter widerfährt, die Agamben als den Hauptwiderspruch
der Ästhetik betrachtet.