Dienstag, 10. Mai 2011

Fußnote 44 a


















Vor knapp zwei Monaten tauchte auf der Facebookseite
des Merve Verlags ein Brief auf, den Giorgio Agamben
1970 an Hannah Arendt geschrieben hat. Der maschinen-
schriftliche Brief vom 21. Februar ist in Englisch verfasst
und besteht aus drei knappen Absätzen und einer Nach-
schrift. Im ersten Absatz erklärt Agamben, dass er ihre
Adresse von Dominique Fourcade, einem französischen
Dichter, mit dem er 1966 und 1968 an Heideggers Semi-
naren in der Provence teilgenommen hatte, erhalten ha-
be. Im zweiten Absatz stellt er sich vor: Er sei ein „jun-
ger Schriftsteller und Essayist, für den die Entdeckung
[von Arendts] Büchern im letzten Jahr eine entscheiden-
de Erfahrung war“. Im letzten Absatz erweist der junge
Schriftsteller Hannah Arendt seine Reverenz: „May I ex-
press here my gratitude to you...“, um dann nicht ohne
Pathos fortzufahren: „...und die [Dankbarkeit] derer, die
– wie ich – in der Lücke zwischen Vergangenheit und Zu-
kunft die Dringlichkeit spüren, in der Richtung zu arbei-
ten, die Sie aufgezeigt haben“. Kurz, eine dürre Ehrer-
bietigkeitsadresse – wäre da nicht das Postskript, das den
Brief zum Begleitschreiben werden lässt. Die eigentliche
Botschaft, den Beweis, dass er begonnen habe, in der von
Arendt gewiesenen Richtung zu arbeiten, enthält der Essay
über Gewalt, der dem Brief beiliegt. Ihn hätte Agamben,
wie die letzten Worte des Postskriptums lauten, „ohne die
Leitung durch [Arendts] Bücher niemals schreiben können".
Acht Leuten gefiel das.

Mehr als doppelt so vielen, nämlich exakt 17 gefiel Hannah
Arendts maschinengeschriebene Antwort vom 27. Februar,
deren Durchschrift der Merve Verlag paar Tage nach Agam-
bens Brief postete. Es sei „furchtbar nett“, dass er ihr sei-
nen Artikel geschickt habe, sie befürchte jedoch, dass sie
eine ganze Weile brauchen werde, ihn zu lesen, da ihr Ita-
lienisch „nicht bloß lausig, sondern so gut wie nicht vorhan-
den“ sei. Selbstredend freue sie sich, dass ihm ihre Bücher
gefallen haben. Ebenso freue sie sich, die Bekanntschaft ei-
nes Freundes Fourcades und eines weiteren Teilnehmers an
Heideggers Seminaren in der Provence zu machen. Anders
als man aus der knappen Erwiderung meint herauslesen zu
können, hatte es damit jedoch nicht sein Bewenden. Denn
Arendt machte sich – ihrer spärlichen Italienischkenntnisse
nicht achtend – die Mühe, Agambens Essay zu lesen. Zumin-
dest legt dies die Fußnote nahe, die sie in die deutsche Aus-
gabe ihres Buches On Violence eingefügt hat. Fußnote 44 a
auf Seite 35 von Macht und Gewalt, wie der Titel der „von
der Verfasserin durchgesehenen Übersetzung aus dem Eng-
lischen von Gisela Uellenberg“ lautet, zitiert den Aufsatz
des jungen italienischen Schriftstellers:

 


  












  
„Ein Ansatz hierzu findet sich in dem soeben erschienenen Es-
say von Giorgio Agamben, ›Sui limiti della violenza‹. Er behaup-
tet, nahezu alle primitiven Völker kennten eine »violenza sacra«,
deren Ritual dazu diene, »den homogenen Fluß der profanen Zeit
zu unterbrechen, das Urchaos zu reaktualisieren, um so dem Men-
schen zu gestatten, die ursprüngliche Dimension der Schöpfung
wieder zu erreichen« (S. 11).“

Freitag, 1. April 2011

Autorschaft

René Pollesch und Dirk von Lowtzow in Durch die Nacht
mit… (Regie: Outi Turunen), auf ARTE, 6.4.2011, 1:30.

R.P.: ein Effekt beim falsch Übersetzen
D.v.L.: und das ist der Autor

Montag, 14. März 2011

L’utilisation pacifique


Atomium (EXPO58), Brüssel, den 24. Oktober 2010.

On October 17th 1956 the Queen opened the world's first
full-scale nuclear power station, at Calder Hall in Cumber-
land. A crowd of several thousand people gathered to watch
the opening ceremony, which was also attended by scientists

and statesmen from almost forty countries. Her Majesty the
Queen gave her speech in the shadow of the massive chim-
neys of the Windscale plant, where explosives were made
for Britain’s first atomic bomb. She gave a timely reminder
of the more sinister origins of the technology.

“This new power, which has proved itself to be such a terri-
fying weapon of destruction,” she said, “is harnessed for the
first time for the common good of our community.”

At 1216 GMT, she pulled the lever which would direct elec-
tricity from the power station into the National Grid for the
first time. The town of Workington, 15 miles up the Cumber-
land coast from Calder Hall, became the first town in the
world to receive light, heat and power from nuclear energy.
Within four hours, the first nuclear-powered electricity was
reaching London.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Jahr des Hasen


Ts’ui Po, Hase und Elstern, Wandrolle, 1061 (Detail).

Montag, 17. Januar 2011

Mit Kleist auf dem Rhein



Am 24. Dezember 1963 erschien in der italienischen Illustrier-
ten Il Mondo das Logbuch einer Fahrt ins Herz der deutschen
Finsternis, das ein junger Italiener, der wenig später in Paso-
linis Vangelo secondo Matteo den Apostel Philippus verkörpern
sollte, verfasst hat: Sul Reno con Kleist.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Sur une terrasse à Gordes


Gordes, Sommer 1966. Aus: François Fédier, Soixante-deux
photographies de Martin Heidegger
, Paris: Gallimard 1999.


Während des Seminars von Le Thor im September 1966 über-
raschte Heidegger die Teilnehmer mit der Frage: „Was ist
der Grundbegriff des Aristoteles?“ Da niemand antwortete,
warf der jüngste von ihnen nicht ohne Scheu ein: „Kynēsis,
die Bewegung“, was sich als richtig erwies. Wie aus der zi-
tierten Stelle der Nikomachischen Ethik (1106a, 22-23) her-
vorgeht, dient Aristoteles die Theorie der Potenz und des
Habitus vor allem dazu, die Bewegung ins Sein einzuführen.
Aristoteles sagt nicht „ist gut“, sondern „wird gut“ (agathos
gignetai): Es geht nicht nur darum, das Sein in Haben zu über-
führen, sondern auch das Sein in Tun und das Tun in Sein. Ge-
mäß dem Paradigma, das mit seinen Aporien die abendländi-
sche Ethik geprägt hat, wird der Tugendhafte, was er ist, und
ist, was er wird.

Giorgio Agamben, Opus Dei. Archeologia dell’ufficio (Homo
sacer, II, 5), Bollati Boringhieri, Turin, 2012, S. 110. 

Samstag, 13. November 2010

Der Tag des Gerichts


„Sie kennen sicherlich die berühmte Daguerreotypie vom
Boulevard du Temple, die als die erste Fotografie betrach-
tet wird, auf der eine menschliche Gestalt zu sehen ist. Die
Silberplatte stellt den Boulevard du Temple dar, so wie ihn
Daguerre vom Fenster seines Arbeitszimmers aus zur Stoß-
zeit fotografiert hat. Der Boulevard muß voller Menschen
und Kutschen gewesen sein, und trotzdem sieht man, da
die damaligen Apperaturen eine extrem lange Belichtungs-
zeit erforderten, von dieser ganzen Masse in Bewegung ab-
solut gar nichts. Nichts – außer einer kleinen Gestalt auf
dem Trottoir links unten auf dem Foto. Es handelt sich um
einen Mann, der sich die Stiefel putzen ließ und deshalb
ziemlich lange unbewegt blieb, das Bein leicht gehoben,
um den Fuß auf das Bänkchen des Schuhputzers zu stellen.“