Sonntag, 14. Januar 2018

Abschnitt 41


















Wo wir leben wollen? Irrerweise sagt es niemand schöner
als die Berliner Polizei:

Der Polizeiabschnitt 41 im Schöneberger Norden ist mit
3,16 km² Gesamtfläche der kleinste Abschnitt Berlins. Er
beherbergt etwa 57.000 Menschen.
Der Anteil ausländischer Bewohner für den gesamten Be-
reich liegt bei rund 25 %, wobei dieser sich im nördlichen
Bereich konzentriert. Deutlich wird dies insbesondere am
Beispiel einer Grundschule mit einem Ausländeranteil von
98 %. 
Auf relativ kleiner Fläche sind neben vielfältigsten Laden-
geschäften insgesamt 402 gastronomische Betriebe, sechs
Spielhallen und drei Diskotheken ansässig. Besonderer tou-
ristischer Anziehungspunkt ist der Wittenbergplatz und die
Tauentzienstraße mit dem KaDeWe.
Im Bereich Schöneberg Nord befindet sich die größte zusam-
menhängende Homosexuellenszene Europas, welche seit An-
fang der 80er Jahre eine starke Anziehungskraft entwickelt
hat und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist. 
In der Vergangenheit hatten sich in der Kurfürstenstraße/
Potsdamer Straße Prostitution und Rauschgiftkriminalität
angesiedelt. Für eine effektivere Bekämpfung der Rausch-
gift- und Straßenkriminalität sowie für eine verbesserte Zu-
sammenarbeit mit Verwaltung, Wirtschaft, Hilfseinrichtun-
gen, Anwohnern und der Homosexuellenszene gründete der
Abschnitt 41 1997 das Präventions- und Ermittlungsteam.

Freitag, 15. Dezember 2017

Constellations


















avenues
avenues and flowers

flowers
flowers and women

avenues
avenues and women

avenues and flowers and women and
a photographer

credits:
Dakota Johnson, Hari Nef and Petra Collins (women)
Glen Luchford (photographer)


















avenues
avenues and flowers

flowers
flowers and a man

avenues
avenues and a man

avenues and flowers and a man and
three admirers 

credits:
Eric Buterbaugh (floral design)
Alessandro Michele (man)
Dakota Johnson, Hari Nef and Petra Collins (admirers)
Alexi Lubomirski (photographer)
Joanna Hillman (fashion editor)

Sonntag, 10. Dezember 2017

La canzone del parco


















Alle reden vom Wald. Über den Park, die Allmende der
Städtebewohner, spricht so gut wie niemand. Dafür wird
er besungen, von baustelle zum Beispiel, ja, er singt so-
gar selbst: Rachele Bastreghi leiht ihm ihre Stimme. Auch
für Liaisons dangereuses ist der Park ein Jugendclub ohne
Sozialarbeiter: „Los niños del parque“. Volljährig gewor-
den begnügen wir uns mit Jacques Préverts „matin dans
la lumière de l’hiver au parc Montsouris à Paris“.

Weiterführende Literatur: Walter Benjamin, Zentralpark;
Robert Smithson, Frederick Law Olmsted and the Dialec-
tical Landscape. Abbildungsnachweis: Gustav Klimt, The
Park (1910 or earlier), Oil on canvas, 110.4 x 110.4 cm,
Museum of Modern Art (Gertrud A. Mellon Fund).

Samstag, 25. November 2017

Spätrömische Kunst-Industrie


















Heute wird Alessandro „Lallo“ Michele (r.) fünfundvierzig
Jahre alt. Auf dem Foto, das sein Partner Giovanni „Vanni“
Attili an Allerheiligen 2012 auf seinem Instagramaccount
(@vanni74) gepostet hat, ist er also keine vierzig — und
Senior Accessoires-Designer bei Gucci. Sein Ober war die
glücklose Chefdesignerin Frida Giannini. Links neben ihm
(mit leerer Monstranz) Vanni, Urbanist, wie Lallo gebürti-
ger Römer. 2003 promovierte er mit der Arbeit Rappresen-
tare la città dei migranti. L’uso delle storie di vita nell’a-
nalisi urbana e come «incubatore» di pratiche territoriali.
Die Dissertation wurde 2005 mit dem Premio „Giovanni
Ferraro“ ausgezeichnet. Es ist gut möglich, dass das Foto
während der vigilia di Ognissanti aufgenommen wurde. 
Wer die sich spiegelnde Fotografin ist, weiß ich nicht.     

Freitag, 17. November 2017

The plant turn


















Aristoteles mochte die Pflanzen nicht.
Giorgio Agamben (2005)

Charlotte Casiraghi était venue décerner le prix des Ren-
contres Philosophiques de Monaco à l’essayiste Emanuele
Coccia pour son ouvrage La vie des plantes. Une métaphy-
sique du mélange. (Juin 2017)

Ich lese das neue Buch von Emanuele Coccia Das Leben der
Pflanzen. Eine Metaphysik der Mischung. Der italienische
Philosoph […] sagt: Wir diskriminieren die Pflanzen, wir re-
den immer über Menschen und Tiere, aber die Pflanzen ha-
ben auch ein Leben, wir haben sie vernachlässigt. Für mich
ist das Buch, obwohl noch nicht auf Deutsch erschienen, das
Buch des Jahres.
Hans Ulrich Obrist (2017)

Der Hanser Verlag, der die Rechte für Coccias Buch erworben
hat, kündigt dessen Übersetzung (aus dem Französischen von
Elsbeth Ranke) unter dem Titel Die Wurzeln der Welt. Eine
Philosophie der Pflanzen für Mitte März nächsten Jahres an.

Die Pflanze bewegt ihren ganzen Körper so frei und leicht und
graziös wie das geschickteste Tier — nur viel langsamer. Die
Wurzeln wühlen suchend im Erdreich, die Knospen und Sprosse
vollführen gemessene Kreise, die Blätter und Blüten nicken und
schauern bei Veränderungen, die Ranken kreisen suchend und
langen mit gespenstigem Arm nach der Umgebung — aber der
oberflächliche Mensch geht vorbei und hält die Pflanze für starr
und leblos, weil er sich nicht die Zeit nimmt, eine Stunde lang
bei ihr zu weilen. Die Pflanze aber hat Zeit. Darum eilt sie nicht;
denn die Riesen in Floras Reich leben durch die Jahrhunderte und
sehen zu ihren Füßen ungezählte Generationen von Menschen auf-
leben und vergehen.
Raoul Heinrich Francé (1906)

Wer neugierig geworden sein sollte, kann Coccias Buch Das Gute
in den Dingen. Werbung als moralischer Diskurs lesen, das, von
Lilja Walliser übersetzt, im Oktober dieses Jahres im Merve Ver-
lag erschienen ist.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

T wie Tennis


















Als letztes Jahr die deutsche Übersetzung von Laurent
Binets La septième fonction du langage erschien, froh-
lockte das „bürgerliche“ Feuilleton. Theoriefern oder,
wie es sich ausdrücken würde, „unverschwurbelt“, wie
es ist, war es hocherfreut, den Herren Philosophen, zu
deren Texten es beim besten Willen keinen Zugang fin-
de, endlich einmal auf die Pelle rücken zu können: zum
Beispiel Foucault beim Blowjob in der Schwulensauna.

Binets Plot ist schnell erzählt: Roland Barthes, der En-
de Februar 1980 vom Lieferwagen einer Wäscherei an-
gefahren wurde und wenig später starb, war nicht das
Opfer eines Unfalls, sondern eines vorsätzlichen Mordes.
Deshalb ermittelt Kommissar Jacques Bayard, beraten
von Vincennes-Dozent Simon Herzog, im intellektuellen
Milieu: Befragt wird auch Gilles Deleuze, den BHL belas-
tet hat.

Simon Herzog ist begeistert, den großen Philosophen zu
Hause besuchen zu dürfen, zwischen seinen Büchern, in
seiner Wohnung, wo es nach Philosophie und kaltem Zi-
garettenrauch riecht. Der Fernseher läuft, ein Tennis-
spiel, Simon registriert eine Fülle von Büchern über Leib-
niz, die überall verstreut liegen. Man hört das Ploppen
der Bälle, es spielen Connors und Nastase.

Tatsächlich trafen die beiden am 31. März 1980, fünf Ta-
ge nachdem Barthes seinen Verletzungen erlegen war, 
bei den Monte Carlo Masters, einem Sandplatzturnier mit
zwei Gewinnsätzen, aufeinander: Connors konnte die Par-
tie mit 6-4, 6-2 klar für sich entscheiden.       
 

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Schöne gelbe Farbe


















Wer das 35 Jahre alte Original kennt, wird bemerkt haben,
dass Denis Villeneuves Fortsetzung Blade Runner 2049 sich
vor allem in den Farbwerten unterscheidet. Die in Scotts
Version vorherrschende kühle Blau-Rosa-Farbigkeit wird ins
Güldene erweitert. „The yellow“, wie Villeneuve schon im
Juli erklärte, „is something I can’t talk about, but… it’s a
very important color“. Wofür steht die gelbe Farbe? Es be-
ginnt ganz unscheinbar. KD6.3-7, kurz K findet an einem
toten Baum ein ausgerupftes Pflänzchen, Blüte, Stiel, Blät-
ter, Wurzel, alles dran. Behutsam packt er sie in eine Be-
weismaterialplastiktüte. Ich dachte unwillkürlich an Cha-
misso, die Weltumseglung auf der Rurik und die emblema-
tische Pflanze Kaliforniens: California Poppy oder Eschschol-
(t)zia californica. Johann Friedrich Eschscholtz war Schiffs-
arzt nicht nur auf dieser Expedition, sondern einer zweiten.
Dieser verdankt ein Archipel seinen Namen: die Eschscholtz-
inseln. Eine von ihnen ist das Bikini-Atoll. Am 25. Juni 1956
explodierte dort Dakota im Rahmen der Operation Redwing.


















Wer sich ein wenig für ernstzunehmende deutsche Geistes-
und Kulturwissenschaften interessiert, wird bemerkt haben,
dass der Titel dieses Posts geklaut ist. Schöne gelbe Farbe.
Godard mit Deleuze heißt ein Aufsatz von Joseph Vogl, der
vor gut zwanzig Jahren in einem Sammelband zur Philoso-
phie Gilles Deleuze’ erschienen ist. Vogl, der vor zwei Wo-
chen seinen sechzigsten Geburtstag feiern konnte, zitiert,
vom gusto filologico durchdrungen, mit seinem Titel ledig-
lich Fritz Langs Worte, die dieser in Le Mépris beim Anblick
Francesca Vaninis (Giorgia Moll) im gelben Bademantel vor
einer Außenwand der Villa Malaparte auf Capri sagt: „Schö-
ne gelbe Farbe“. Natürlich bedankt sich die polyglotte Fran-
cesca für dieses Kompliment auf Deutsch: „Danke!“