R.P.: ein Effekt beim falsch Übersetzen
D.v.L.: und das ist der Autor

Am 24. Dezember 1963 erschien in der italienischen Illustrier-
ten Il Mondo das Logbuch einer Fahrt ins Herz der deutschen
Finsternis, das ein junger Italiener, der wenig später in Paso-
linis Vangelo secondo Matteo den Apostel Philippus verkörpern
sollte, verfasst hat: Sul Reno con Kleist.

Gordes, Sommer 1966. Aus: François Fédier, Soixante-deux
photographies de Martin Heidegger, Paris: Gallimard 1999.
Während des Seminars von Le Thor im September 1966 über-
raschte Heidegger die Teilnehmer mit der Frage: „Was ist
der Grundbegriff des Aristoteles?“ Da niemand antwortete,
warf der jüngste von ihnen nicht ohne Scheu ein: „Kynēsis,
die Bewegung“, was sich als richtig erwies. Wie aus der zi-
tierten Stelle der Nikomachischen Ethik (1106a, 22-23) her-
vorgeht, dient Aristoteles die Theorie der Potenz und des
Habitus vor allem dazu, die Bewegung ins Sein einzuführen.
Aristoteles sagt nicht „ist gut“, sondern „wird gut“ (agathos
gignetai): Es geht nicht nur darum, das Sein in Haben zu über-
führen, sondern auch das Sein in Tun und das Tun in Sein. Ge-
mäß dem Paradigma, das mit seinen Aporien die abendländi-
sche Ethik geprägt hat, wird der Tugendhafte, was er ist, und
ist, was er wird.
Giorgio Agamben, Opus Dei. Archeologia dell’ufficio (Homo
sacer, II, 5), Bollati Boringhieri, Turin, 2012, S. 110.

„Sie kennen sicherlich die berühmte Daguerreotypie vom
Boulevard du Temple, die als die erste Fotografie betrach-
tet wird, auf der eine menschliche Gestalt zu sehen ist. Die
Silberplatte stellt den Boulevard du Temple dar, so wie ihn
Daguerre vom Fenster seines Arbeitszimmers aus zur Stoß-
zeit fotografiert hat. Der Boulevard muß voller Menschen
und Kutschen gewesen sein, und trotzdem sieht man, da
die damaligen Apperaturen eine extrem lange Belichtungs-
zeit erforderten, von dieser ganzen Masse in Bewegung ab-
solut gar nichts. Nichts – außer einer kleinen Gestalt auf
dem Trottoir links unten auf dem Foto. Es handelt sich um
einen Mann, der sich die Stiefel putzen ließ und deshalb
ziemlich lange unbewegt blieb, das Bein leicht gehoben,
um den Fuß auf das Bänkchen des Schuhputzers zu stellen.“

In unserer Kultur trägt die Nacktheit eine unauslöschliche
theologische Signatur. Jeder kennt die Erzählung der Ge-
nesis, der zufolge Adam und Eva erst nach dem Sündenfall
ihre Nacktheit bemerkten. „Da wurden ihrer beider Augen
aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren“
(Gen 3,7). Den Theologen zufolge sei dies nicht einfach
damit zu erklären, dass eine vorausgegangene Unbewusst-
heit mit der Sünde verlorengegangen wäre. Vielmehr seien
sie vor dem Sündenfall – wenn auch in kein menschliches
Gewand gekleidet – nicht nackt gewesen: Ein Kleid der Gna-
de bedeckte sie, die Glorie umhüllte sie wie mit einem Ge-
wand (in der jüdischen Version dieser Lesart, die man bei-
spielsweise im Zohar finden kann, ist von einem „Lichtkleid“
die Rede). Dieses übernatürlichen Kleides wurden sie durch
die Sünde beraubt.
Nunmehr entblößt, waren sie gezwungen, sich zu bedecken:
erst mit einem Schurz aus Feigenblättern, den sie eigenhän-
dig hergestellt hatten („[Sie] flochten Feigenblätter zusam-
men und machten Schürze“), später, bei ihrer Vertreibung
aus dem Paradies, indem sie die Tierhäute anzogen, die Gott
für sie angefertigt hatte. Es gab also nur zwei Momente der
Nacktheit für unsere Urahnen im irdischen Paradies: ein erstes
Mal in der vermutlich sehr kurzen Zeit zwischen dem Gewahr-
werden der Nacktheit und der Herstellung des Schurzes, ein
zweites Mal, als sie das Feigenblatt ablegten, um die Fellröcke
anzuziehen.
Giorgio Agamben, Nacktheiten, S. Fischer Wissenschaft, Frank-
furt am Main 2010.