Samstag, 29. September 2012

Chung Kuo Cina (1972)











Montag, 10. September 2012

Totenhütte, Sonnenschutz


















Heute vor exakt zehn Jahren, einen Tag, bevor sich die Zer-
störung des WTC erstmals jährte, war Heidi Paris in tiefen
Schlaf gefallen. Als man sie fand, atmete sie unüberhörbar
in unheilverheißender Regelmäßigkeit. Wecken ließ sie sich
nicht. Der das Sanitäterteam begleitende Notarzt bestätigte
die während des Wartens aufkeimenden Befürchtungen. Sei-
ne Diagnose – selbstredend unter Vorbehalt – lautete irrever-
sibles Koma... Hirntod. Sollte sie, wider Erwarten, aus die-
sem dennoch erwachen, wäre sie, da dürfe man sich keine
Illusionen machen, nicht mehr dieselbe.

„Und so kamen kurz darauf die Freunde, Hannes Böhringer
hat es beschrieben, an ihr Krankenbett, sie hatte es also ge-
macht, es war so gelaufen, dass sie nicht sofort ganz tot ge-
wesen war, sie lebte noch, bewusstlos, der Körper lebte noch,
gab uns so Gelegenheit, von ihr, die schon mal vorgegangen
war zu den Toten, Abschied noch nehmen zu können.“ So be-
schreibt es Rainald Goetz in loslabern. Heidis Krankenbett
stand in der Intensivstation des Urbankrankenhauses, wo sie
am 15. September für tot erklärt wurde. Am 4. Oktober fand
im Krematorium Wilmersdorf die Trauerfeier statt.

  
















Bestattet wurde Heidi Paris am Nordhang des Teltowplateaus,
das zwischen Monumenten- und Großgörschenstraße sanft zum
Berliner Urstromtal abfällt. Um zu ihrem Grab in der Abteilung
SU des Alten St.-Matthäus-Kirchhofs zu gelangen, steigt man
den Hang hoch, vorbei an einem riesigen Steinkreuz, das aus
dem Gräberfeld hervorragt wie ein SUV aus den am Straßen-
rand geparkten PKW. Hier ruht Friedrich Julius Stahl, Vorden-
ker eines preußisch-protestantischen Gottesstaates und Con-
sultant der Kamarilla Friedrich Wilhelms IV. Jetzt noch schnell
ein Abstecher zu den Gebrüdern Grimm.

   
 



Dienstag, 28. August 2012

Abfall für viele


















Sonntag, 24.5.98, Berlin.

1152. Wo bleiben die Geburtstagsgeschenke? Morgens früh
um 5 nach halb 6 kam die erste Lieferung: kolikartige Ma-
genkrämpfe, brutale Kopfschmerzen weckten mich auf, alles
voll Grippegefühl, der ganze Körper. Und ich dachte, passt
super, Tag im Bett, abgeschlagen, niedergeschlagen, krank.
Praxis V: KRANK. Nicht Kritik, KRANK.

Aussicht
Pfirsich spricht Gedicht
Ist nicht richtig
Licht
Geschicht

So.
Oder so ähnlich.
Oder ein bißchen anders.

[…]

2259. Ich flippe durch die Kanäle, lande im WDR, da kommt ge-
rade wieder Patrick Walders Kritik-Film über Techno-Literatur,
mit dem Rave-Verriß fürs Fernsehen. Ich muß ihn mal fragen,
ob er ihn flächendeckend an alle dritten Programme verkauft
hat. Danach, beim Jubel-Porträt vom großen Theaterschreiber
Albert Ostermaier, denke ich mir wieder: lieber noch so schlimm
verrissen werden, als sich abfilmen, und sich dann von den Trot-
teln vom Fernsehen auch noch loben lassen. Lob vom Fernsehkul-
turfilmer: die letzte Erniedrigung, die allerletzte. Theo Roos hat
uns das angetan, mit seinem Lall-Film über das Mix-Büchlein. Das
war echt hart. Da habe ich mich wirklich zutode geschämt, daß
ich da mitgemacht habe. Ich war dabei: ja, ich kriege immer die-
ses Nazigefühl, bei diesen ganzen Kultur-Nutten-Sachen, weil es
auf so eine fiese Art dazugehört, weil die Weigerung so was blöde
Prätentiöses hat, weil man sich irgendwie natürlich auch selber
schadet damit, und weil es doch und im Prinzip und im Grunde
und in echt wirklich komplett ASOZIAL ist, der ganze Scheiß, In-
terview, Porträt, bla bla, kaputt, verottet, verlogen, böse und
gegen alles Richtige gerichtet. Ja, nein, echt, genau. So ist das.
Dann wollte ich meinen Heizblaser anmachen, Kurzschluß, Brand-
geruch, wo ist der Schraubenzieher? Aufschrauben und Reparieren,
funktioniert, das macht gute Laune.

Rainald Goetz, Abfall für alle. Roman eines Jahres, Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1999, S. 346f.


                                                                26. Juni [2009], Mailand

Aus Offenburg ruft abends Peter Weibel an, um Glückwünsche zum
62. Geburtstag zu übermitteln. Er gibt den Hörer weiter an eine
dort versammelte Gesellschaft. Fast ungläubig höre ich die Grüße
von Ulla Berkéwicz, Raimund Fellinger, Hubert Burda, Prinz Max von
Baden und Peter Handke.
Das Abendessen im Nobellokal Trussardi della Scala neben der Oper
litt sehr darunter, daß das Restaurant der lokalen Kochkunst de[n]
Rücken gekehrt hat und sich an einer imaginären haute cuisine orien-
tiert, von der man die Prätention spürt, aber den Erfolg nicht sieht.
So saß man da, schaute aus dem Fenster auf den schönen Platz vor
der Oper und versuchte doch zu glauben, es sei ein Fest.
Aristoteles stellt fest, der großgesinnte Mensch (megalopsychos) ist
nicht anthropológos — kein Schwätzer von allzu menschlichen Affai-
ren. (Nikomachische Ethik 1125a5) Im Griechischen gibt es überdies
ein Verbum anthropologéo, ich vermenschliche, ich übersetze (sc.
göttliche Dinge) in humane Ausdrücke. Die moderne Anthropologie —
ist sie vielleicht eine gossip-Disziplin im philosophischen Register?

Peter Sloterdijk, Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011, Berlin: Suhr-
kamp 2012, S. 232f.

Freitag, 6. Juli 2012

Born in the USE


















Paris, 16. April 1949: Robert Marjolin, OEEC Secretary-General,
broadcasting from the Voice of America radio studios to comme-
morate the first anniversary of the Marshall Plan and the OEEC.

Dienstag, 12. Juni 2012

Letzte Worte


















Fresko in Zelle 36 des Klosters San Marco in Florenz 

Beato Angelico und seine Gehilfen dekorierten mehr als 40 Zel-
len des Dominikanerklosters San Marco in Florenz mit Szenen
aus dem sogenannten Leben Jesu (inkl. dessen Verkündigung,
Ende und transfigurierter Wiederaufnahme). Die Dominikaner
schienen sich besonders für für dessen Ende zu interessieren,
denn 21 Fresken zeigen die Kreuzigung. 

Eigens hatte er sich Postkarten drucken lassen, auf deren Rück-
seite die Sparten «Autor», «Letztes Wort» und «Quelle» schon
vorab tabellarisch eingefügt waren. Vorgedruckt adressiert wa-
ren die Todesbotschaften an:

Ernst Jünger
Wilhelm Hauff-Str. 18
Ravensburg

Die meisten Karten beschriftete Jünger selbst. Bisweilen ergänz-
te er die Sammlung aber auch um ein letztes Wort, das ihm von
seinen Sekretären Armin Mohler und Albert von Schirnding  oder
Freunden zugesteckt wurde, die er mit den vorgedruckten Karten
versorgt hatte.

Unmengen von letzten Worten hat Jünger durch alle Zeiten und
Räume, von Sokrates bis Oscar Wilde, mit den Jahren aufgespießt,
in alphabetische Ordnung gebracht, ohne Rücksicht auf den Rang
oder seine Wertschätzung der Toten. 

Die Hunderte von Sentenzen sind im Marbacher Literaturarchiv in
vier Karteischubern aufbewahrt.
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Donnerstag, 10. Mai 2012

»Junger Mann«


















„Literatur wird nicht in der Werkstatt gemacht, sondern
im Kopf. Der Kopf ist keine Werkstatt. Die Literatur ist
kein Handwerk. […] Alles, was Handwerk ist am Schrei-
ben, ist komplett egal. […] Der schlechte Text ist nicht
verbesserbar.“

NACHTRAG: Sagte Rainald Goetz am 10. Mai tatsächlich
— wie man nun allerorten liest —, Mitgefühl sei „die fro-
he Botschaft der Literatur“? Ein Blick in meine Notizen
zeigt, dass ich das Kompositum „Frohbotschaft“ zu hören
meinte. Mitschreiben war jedoch noch nie meine Sache.
Die LOGIK DES DIKTATS leuchtete mir schon in der Schule
nicht ein.

Wer seine das Diktierte ordnungsgemäß niederschreiben-
den Mitschüler mit der an den Lehrer gerichteten Bitte,
bereits mehrfach Diktiertes noch einmal zu wiederholen,
nicht selten aus dem Konzept gebracht hat, dem ist die
Aufzeichnung mündlichen Vortrags ein Segen. Unbegrenz-
te Wiederholbarkeit erlaubt auch ihm, den genauen Wort-
laut zu notieren.

24.5.12  Wann kommen die Geburtstagsgeschenke? Das
Team der Telekom hat per SMS herzlich gratuliert. Dann
dieser Gutschein von der Lufthansa: Extra Prämienmeilen
für eine Bestellung über 50 EURO bei irgendeinem so ge-
nannten Onlinebookstore. Geben Sie folgenden Code ein!
Die schönste Überraschung gab es beim Perlentaucher via
Ekkehard Knörers Facebookseite: „Ihr Geschenk befindet
sich seit dem 22. Mai auf der Website der FU Berlin: der
Videomitschnitt von Goetz’ Antrittsvorlesung leben und
schreiben. der existenzauftrag der schrift.“

Danke Perlentaucher! Danke Herr Knörer! Und nicht zu-
letzt, danke Peter-Szondi-Institut!

Endlich mal wieder ganz Phonotypist sein können. Exakte
Dauer der Vorlesung: 46 Minuten und 23 Sekunden. Freude
darüber, richtig gehört zu haben: „Mitgefühl ist die große
Frohbotschaft der Literatur.“ Freude auch darüber, dass
Goetz Punkt VI (ZUHÖREN) exakt nach 15 Minuten mit fol-
genden Worten beginnt: „Da schlafen den ersten Zuhörern
schon die Füße ein. Ich weiß das. Kein Mensch kann einem
noch so stringent oder gar luzide ausgedachten und vorfor-
mulierten Text, der ihm vorgelesen wird, mehr als 15 Mi-
nuten rein freudig wirklich folgen.“

„Mit einer Wachheit, die einem selbst entspräche, ist bei
den anderen also nicht zu rechnen, befindet der Hektiker,
dem an jeder zweiten Theke, bei jedem zweiten Weltkon-
takt, an fast jeder Supermarktkasse die Empfehlung meist
ziemlich imperativisch von den ruhig in sich selbst Ruhen-
den gegeben wird, sich bisschen locker zu machen, alles
ganz easy, keine Panik, geht schon, wird schon. „Nu sind
se mal nich’ so hektisch, junger Mann!“ So original gestern
wieder im REWE. Für Nicht-Berliner, das berlinische „jun-
ger Mann“ gilt für alle Alter, wird besonders gern den Leu-
ten ab 40, 50 aufwärts ironisch übergezogen, wobei der
Sprecher von der Ironie, so selbstverständlich ist ihm sein
Sprachgebrauch, gar nichts weiß [1:38 – 2:23].“   

Samstag, 28. April 2012

Alltäglichkeit


















Il quotidiano, ciò che avviene ordinariamente, non è forse
una utopia, un mito di un’esistenza priva di mito?