Mittwoch, 7. November 2012

Der Zorn des Olymp


















Unbemerkt neigt sich der 119. Jahrestag des Bombenanschlags
im Liceu in Barcelona seinem Ende zu. Wer erinnert sich schon
des 7. November 1893, als eine aus dem Olymp geschleuderte
Orsinibombe im Parkett des an den Ramblas gelegenen Opern-
hauses 20 Menschen in den Tod riss? 

Mittwoch, 31. Oktober 2012

La regola di fra’ Rinaldo


















Seit Anfang an steht Bruder Rainalds Werk unter einer Regel,
die auf den ersten Blick unmissverständlich zu sein scheint:
Don’t cry — work. Wir sollen nicht heulen, versteht sich —
doch was genau meint work. Einige Hinweise finden sich in 
seiner Antrittsvorlesung der Heiner-Müller-Gastprofessur an
der FU Berlin, die er am 10. Mai 2012 im Hörsaal 1b der so-
genannten Rostlaube in Berlin-Dahlem hielt.

Alles schreiben, alles lesen, stumm, still, allein und für sich
und dauernd — das Sprachgefühl, diese innere Letztethik,
die Denken und Weltapperzeption bestimmt, dabei beatmen,
beleben und ununterbrochen erneuern: Poetik.

Der Selbstverbesserungsimperativ, den die Schrift dem Le-
ben derer, die ihr dienen, aufgibt, heißt ganz einfach, nichts
soll abgelebt sein vom je Erlebten, alles Vergessen dazu da-
sein, es sich immer wieder als problematische Erfahrungsge-
schichte neu vorzulegen, nichts war falsch, alles dumm, kein
Gedanke je umsonst gedacht. Der Auftrag der Schrift heißt,
weggehen von ihr, ein Leben führen und zwar bestmöglich
und so reich an allem wie es nur geht, das den schriftinhä-
renten Isolationismus aufsprengt, widerlegt, verunmöglicht,
aber als Sehnsucht eines wahren, besseren Lebens in der
Stille der Texte zugleich erhält und die Bewegung dorthin
so immer wieder neu veranlasst.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Il demone di fra’ Rinaldo


















Der Dämon, der in mir ist und mich regiert, ist grausam. Ich
kenne ihn nicht. Ich jage ihn mit meiner Intellektualität, ver-
wende mehr Kraft als auf alles andere wahrscheinlich darauf,
ihn zu finden, zu verstehen, zu erkennen und so final hoffent-
lich endlich zu entmächtigen. Es gelingt nicht. Ich kann ihn
nicht finden, nur seine Spuren, die Art registrieren, wie er mir
verunmöglicht, so zu leben wie ich will: produktiv, stetig, offen,
frei.

Der Dämon ist auf jeden Fall eine Lupe, die alles vergrößert und

verschärft, was mir geschieht. Ganz normale Verhaltensweisen
von Leuten um mich herum: riesig, überscharf, der Horror. Ge-
nauso in mir, die Gedanken und Gefühle in mir, die Irritationen:
riesig, niederdrückend, gewaltig, den Augenblick total beherr-
schend. Im nächsten Moment weg, wie nie gewesen. Ein Hohn
auf die verrückte Erregung, die eben noch geherrscht hat, weg.
Die Sprunghaftigkeit des Dämons ist quälend, sie ist der Selbst-
widerspruch zur Übergröße der Obsession im Augenblick davor.

Der Dämon ist der Blick aus meinen extrem engstehenden Augen.

Mit jedem Jahr wachsen sie noch enger, obsessiver, absurder zu-
sammen. I hate.

Der Dämon will allein sein und nie mehr schreiben. Lesen, im Bett

liegen, schlafen. Lesen und ehrlich gesagt und genau genommen
und am allerliebsten vielleicht ja doch auch schon ein bisschen tot
sein oder auch ganz tot und für immer. Ruhe, Ruhe ist die Sehnsucht,
totale Panik in Permanenz die Realität.

Dämon abzugeben, günstig, gern. Der Dämon verschlechtert meine

Arbeit, weil er mein Leben so wahnsinnig verkompliziert. Die Arbeit
profitiert nicht vom komplizierten Leben. Das hab' ich eigentlich
immer gehofft, dass das so wäre, aber das stimmt nicht. Die Kompli-
ziertheit verdummt mich, schwächt mich, verengt meinen Geist.
Wenn der Dämon weg ist, kann ich sehen, was ich meine, sagen will
und denke. Wenn der Dämon da ist, bin ich blind. Ich versuche dann
mit einer irrwitzigen Energie, mich zu konzentrieren. Mein Frontal-
hirn wird von dieser Absicht in einen brutalen Folterschraubstock
eingespannt, dort zusammengepresst und ausgewrungen. Unfass-
bare Frontalhirnerschöpfungen resultieren aus der Konzentrations-
anstrengung, die schlimmsten Erschöpfungszustände, ohne dass
irgendein Konzentrationsresultat aus der Bemühung entstanden
wäre.

Der Dämon ist ein Lebensenergievernichter galaktischer Dimension,

eine Lebensvernichtungsgalaxie pulsiert in mir.

Dann sagt der Nebenmann etwas, während das Gegenüber auch re-

det, Hirnstromkurzschluss ist das dämoninduzierte Resultat. Andere
Leute finden das normal, dass quer über sie hinweg zwei oder drei
Gespräche gleichzeitig geführt werden. Mein Dämon sendet so Be-
scheid: ein irrwitzig schrilles Pfeifen, das immer lauter wird, bis der
Kurzschluss es beendet. Der Dämon liebt deshalb die Geselligkeit,
die ich so verehre, gar nicht. Auch unter Leuten hat der Dämon ein
Ziel und eine Absicht, mich fertig zu machen, mir die Freude an den
Menschen zu verunmöglichen.

Mein Dämon ist Galle und Saturn, schwer und böse. Geh weg, Dämon,

fordert die kompensatorische Hyperfokussierung ultimativ, schweige,
stirb, sei still, damit ich mich endlich besser konzentrieren, endlich
besser leben kann. Der Dämon nickt belustigt. Er selbst ist gar nicht
komisch, der Text über ihn schon. Dieser Widerspruch heißt texttypi-
scherweise Anmut, Milde, Unsinn, Wahn.

„Der Dämon“, 7. Kapitel der Antrittvorlesung der Heiner-Müller-Gast-
professur 2012 von Rainald Goetz: Leben und Schreiben. Der Existenz-
auftrag der Schrift. Transkription der Videoaufzeichnung vom 10. Mai
2012, 18.00 Uhr, Hörsaal 1b, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin. 

Samstag, 29. September 2012

Chung Kuo Cina (1972)











Montag, 10. September 2012

Totenhütte, Sonnenschutz


















Heute vor exakt zehn Jahren, einen Tag, bevor sich die Zer-
störung des WTC erstmals jährte, war Heidi Paris in tiefen
Schlaf gefallen. Als man sie fand, atmete sie unüberhörbar
in unheilverheißender Regelmäßigkeit. Wecken ließ sie sich
nicht. Der das Sanitäterteam begleitende Notarzt bestätigte
die während des Wartens aufkeimenden Befürchtungen. Sei-
ne Diagnose – selbstredend unter Vorbehalt – lautete irrever-
sibles Koma... Hirntod. Sollte sie, wider Erwarten, aus die-
sem dennoch erwachen, wäre sie, da dürfe man sich keine
Illusionen machen, nicht mehr dieselbe.

„Und so kamen kurz darauf die Freunde, Hannes Böhringer
hat es beschrieben, an ihr Krankenbett, sie hatte es also ge-
macht, es war so gelaufen, dass sie nicht sofort ganz tot ge-
wesen war, sie lebte noch, bewusstlos, der Körper lebte noch,
gab uns so Gelegenheit, von ihr, die schon mal vorgegangen
war zu den Toten, Abschied noch nehmen zu können.“ So be-
schreibt es Rainald Goetz in loslabern. Heidis Krankenbett
stand in der Intensivstation des Urbankrankenhauses, wo sie
am 15. September für tot erklärt wurde. Am 4. Oktober fand
im Krematorium Wilmersdorf die Trauerfeier statt.

  
















Bestattet wurde Heidi Paris am Nordhang des Teltowplateaus,
das zwischen Monumenten- und Großgörschenstraße sanft zum
Berliner Urstromtal abfällt. Um zu ihrem Grab in der Abteilung
SU des Alten St.-Matthäus-Kirchhofs zu gelangen, steigt man
den Hang hoch, vorbei an einem riesigen Steinkreuz, das aus
dem Gräberfeld hervorragt wie ein SUV aus den am Straßen-
rand geparkten PKW. Hier ruht Friedrich Julius Stahl, Vorden-
ker eines preußisch-protestantischen Gottesstaates und Con-
sultant der Kamarilla Friedrich Wilhelms IV. Jetzt noch schnell
ein Abstecher zu den Gebrüdern Grimm.

   
 



Dienstag, 28. August 2012

Abfall für viele


















Sonntag, 24.5.98, Berlin.

1152. Wo bleiben die Geburtstagsgeschenke? Morgens früh
um 5 nach halb 6 kam die erste Lieferung: kolikartige Ma-
genkrämpfe, brutale Kopfschmerzen weckten mich auf, alles
voll Grippegefühl, der ganze Körper. Und ich dachte, passt
super, Tag im Bett, abgeschlagen, niedergeschlagen, krank.
Praxis V: KRANK. Nicht Kritik, KRANK.

Aussicht
Pfirsich spricht Gedicht
Ist nicht richtig
Licht
Geschicht

So.
Oder so ähnlich.
Oder ein bißchen anders.

[…]

2259. Ich flippe durch die Kanäle, lande im WDR, da kommt ge-
rade wieder Patrick Walders Kritik-Film über Techno-Literatur,
mit dem Rave-Verriß fürs Fernsehen. Ich muß ihn mal fragen,
ob er ihn flächendeckend an alle dritten Programme verkauft
hat. Danach, beim Jubel-Porträt vom großen Theaterschreiber
Albert Ostermaier, denke ich mir wieder: lieber noch so schlimm
verrissen werden, als sich abfilmen, und sich dann von den Trot-
teln vom Fernsehen auch noch loben lassen. Lob vom Fernsehkul-
turfilmer: die letzte Erniedrigung, die allerletzte. Theo Roos hat
uns das angetan, mit seinem Lall-Film über das Mix-Büchlein. Das
war echt hart. Da habe ich mich wirklich zutode geschämt, daß
ich da mitgemacht habe. Ich war dabei: ja, ich kriege immer die-
ses Nazigefühl, bei diesen ganzen Kultur-Nutten-Sachen, weil es
auf so eine fiese Art dazugehört, weil die Weigerung so was blöde
Prätentiöses hat, weil man sich irgendwie natürlich auch selber
schadet damit, und weil es doch und im Prinzip und im Grunde
und in echt wirklich komplett ASOZIAL ist, der ganze Scheiß, In-
terview, Porträt, bla bla, kaputt, verottet, verlogen, böse und
gegen alles Richtige gerichtet. Ja, nein, echt, genau. So ist das.
Dann wollte ich meinen Heizblaser anmachen, Kurzschluß, Brand-
geruch, wo ist der Schraubenzieher? Aufschrauben und Reparieren,
funktioniert, das macht gute Laune.

Rainald Goetz, Abfall für alle. Roman eines Jahres, Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1999, S. 346f.


                                                                26. Juni [2009], Mailand

Aus Offenburg ruft abends Peter Weibel an, um Glückwünsche zum
62. Geburtstag zu übermitteln. Er gibt den Hörer weiter an eine
dort versammelte Gesellschaft. Fast ungläubig höre ich die Grüße
von Ulla Berkéwicz, Raimund Fellinger, Hubert Burda, Prinz Max von
Baden und Peter Handke.
Das Abendessen im Nobellokal Trussardi della Scala neben der Oper
litt sehr darunter, daß das Restaurant der lokalen Kochkunst de[n]
Rücken gekehrt hat und sich an einer imaginären haute cuisine orien-
tiert, von der man die Prätention spürt, aber den Erfolg nicht sieht.
So saß man da, schaute aus dem Fenster auf den schönen Platz vor
der Oper und versuchte doch zu glauben, es sei ein Fest.
Aristoteles stellt fest, der großgesinnte Mensch (megalopsychos) ist
nicht anthropológos — kein Schwätzer von allzu menschlichen Affai-
ren. (Nikomachische Ethik 1125a5) Im Griechischen gibt es überdies
ein Verbum anthropologéo, ich vermenschliche, ich übersetze (sc.
göttliche Dinge) in humane Ausdrücke. Die moderne Anthropologie —
ist sie vielleicht eine gossip-Disziplin im philosophischen Register?

Peter Sloterdijk, Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011, Berlin: Suhr-
kamp 2012, S. 232f.

Freitag, 6. Juli 2012

Born in the USE


















Paris, 16. April 1949: Robert Marjolin, OEEC Secretary-General,
broadcasting from the Voice of America radio studios to comme-
morate the first anniversary of the Marshall Plan and the OEEC.