Montag, 28. Januar 2013

Vier Modernisierungen


















29. Januar 1963: Premier Zhou hält eine Rede auf der Ar-
beitskonferenz über Wissenschaft und Technik der Stadt
Schanghai, die in der chinesischen Selbstwahrnehmung
den Grund gelegt hat für den fabelhaften Aufstieg, den
die VR China in den letzten Jahrzehnten nahm.

Aber auch Deutschland darf stolz sein: Es ist das auf un-
seren Straßen unübersehbare Verdienst deutscher Dienst-
wagenhersteller, den wohlklingenden Titel der Rede im
Design ihrer Automobile restlos aufgehen zu lassen:

Die Realisierung der Modernisierung von Wissenschaft und
Technik nimmt eine Schlüsselstellung beim Aufbau eines
sozialistischen starken China ein

Doch ist es nicht genau das, was man von Unternehmen
(VW & Audi), deren Raison d’être der Nationalsozialismus,
ist, erwarten darf. Die paar Juden, Polen, Russen, Ukrainer
et al, quantitée négligeable: Am Ende rechnet’s sich doch.
     

Freitag, 7. Dezember 2012

This is not 33, this is 63…


















Offensichtlich ist Benjamins Diktum, Geschichte schreiben
heiße, Jahreszahlen eine Physiognomie geben, mittlerweile
common sense. Denn selbst der Chefideologe der Generation
Golf, die längst den Suburbs ihrer Jugend den Rücken gekehrt
hat und zum Leidwesen aller Großstadtpflanzen die urbanen
Zentren flutet, versucht es nun für das letzte Jahr des langen
19. Jahrhunderts – immerhin umweht das Jahr 1913 der thrill
der jüngst so gern bemühten „Vorkriegszeit“. Nicht schön.

Wo allenthalben von Beschleunigung die Rede ist, sollte man
probehalber die Zeitspannen des Gedenkens halbieren, also
sich nächstes Jahr auf 1963 konzentrieren. Auch das so fern,
und zugleich so nah: tiefstes 20. Jahrhundert eben.  

Mittwoch, 7. November 2012

Der Zorn des Olymp


















Unbemerkt neigt sich der 119. Jahrestag des Bombenanschlags
im Liceu in Barcelona seinem Ende zu. Wer erinnert sich schon
des 7. November 1893, als eine aus dem Olymp geschleuderte
Orsinibombe im Parkett des an den Ramblas gelegenen Opern-
hauses 20 Menschen in den Tod riss? 

Mittwoch, 31. Oktober 2012

La regola di fra’ Rinaldo


















Seit Anfang an steht Bruder Rainalds Werk unter einer Regel,
die auf den ersten Blick unmissverständlich zu sein scheint:
Don’t cry — work. Wir sollen nicht heulen, versteht sich —
doch was genau meint work. Einige Hinweise finden sich in 
seiner Antrittsvorlesung der Heiner-Müller-Gastprofessur an
der FU Berlin, die er am 10. Mai 2012 im Hörsaal 1b der so-
genannten Rostlaube in Berlin-Dahlem hielt.

Alles schreiben, alles lesen, stumm, still, allein und für sich
und dauernd — das Sprachgefühl, diese innere Letztethik,
die Denken und Weltapperzeption bestimmt, dabei beatmen,
beleben und ununterbrochen erneuern: Poetik.

Der Selbstverbesserungsimperativ, den die Schrift dem Le-
ben derer, die ihr dienen, aufgibt, heißt ganz einfach, nichts
soll abgelebt sein vom je Erlebten, alles Vergessen dazu da-
sein, es sich immer wieder als problematische Erfahrungsge-
schichte neu vorzulegen, nichts war falsch, alles dumm, kein
Gedanke je umsonst gedacht. Der Auftrag der Schrift heißt,
weggehen von ihr, ein Leben führen und zwar bestmöglich
und so reich an allem wie es nur geht, das den schriftinhä-
renten Isolationismus aufsprengt, widerlegt, verunmöglicht,
aber als Sehnsucht eines wahren, besseren Lebens in der
Stille der Texte zugleich erhält und die Bewegung dorthin
so immer wieder neu veranlasst.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Il demone di fra’ Rinaldo


















Der Dämon, der in mir ist und mich regiert, ist grausam. Ich
kenne ihn nicht. Ich jage ihn mit meiner Intellektualität, ver-
wende mehr Kraft als auf alles andere wahrscheinlich darauf,
ihn zu finden, zu verstehen, zu erkennen und so final hoffent-
lich endlich zu entmächtigen. Es gelingt nicht. Ich kann ihn
nicht finden, nur seine Spuren, die Art registrieren, wie er mir
verunmöglicht, so zu leben wie ich will: produktiv, stetig, offen,
frei.

Der Dämon ist auf jeden Fall eine Lupe, die alles vergrößert und

verschärft, was mir geschieht. Ganz normale Verhaltensweisen
von Leuten um mich herum: riesig, überscharf, der Horror. Ge-
nauso in mir, die Gedanken und Gefühle in mir, die Irritationen:
riesig, niederdrückend, gewaltig, den Augenblick total beherr-
schend. Im nächsten Moment weg, wie nie gewesen. Ein Hohn
auf die verrückte Erregung, die eben noch geherrscht hat, weg.
Die Sprunghaftigkeit des Dämons ist quälend, sie ist der Selbst-
widerspruch zur Übergröße der Obsession im Augenblick davor.

Der Dämon ist der Blick aus meinen extrem engstehenden Augen.

Mit jedem Jahr wachsen sie noch enger, obsessiver, absurder zu-
sammen. I hate.

Der Dämon will allein sein und nie mehr schreiben. Lesen, im Bett

liegen, schlafen. Lesen und ehrlich gesagt und genau genommen
und am allerliebsten vielleicht ja doch auch schon ein bisschen tot
sein oder auch ganz tot und für immer. Ruhe, Ruhe ist die Sehnsucht,
totale Panik in Permanenz die Realität.

Dämon abzugeben, günstig, gern. Der Dämon verschlechtert meine

Arbeit, weil er mein Leben so wahnsinnig verkompliziert. Die Arbeit
profitiert nicht vom komplizierten Leben. Das hab' ich eigentlich
immer gehofft, dass das so wäre, aber das stimmt nicht. Die Kompli-
ziertheit verdummt mich, schwächt mich, verengt meinen Geist.
Wenn der Dämon weg ist, kann ich sehen, was ich meine, sagen will
und denke. Wenn der Dämon da ist, bin ich blind. Ich versuche dann
mit einer irrwitzigen Energie, mich zu konzentrieren. Mein Frontal-
hirn wird von dieser Absicht in einen brutalen Folterschraubstock
eingespannt, dort zusammengepresst und ausgewrungen. Unfass-
bare Frontalhirnerschöpfungen resultieren aus der Konzentrations-
anstrengung, die schlimmsten Erschöpfungszustände, ohne dass
irgendein Konzentrationsresultat aus der Bemühung entstanden
wäre.

Der Dämon ist ein Lebensenergievernichter galaktischer Dimension,

eine Lebensvernichtungsgalaxie pulsiert in mir.

Dann sagt der Nebenmann etwas, während das Gegenüber auch re-

det, Hirnstromkurzschluss ist das dämoninduzierte Resultat. Andere
Leute finden das normal, dass quer über sie hinweg zwei oder drei
Gespräche gleichzeitig geführt werden. Mein Dämon sendet so Be-
scheid: ein irrwitzig schrilles Pfeifen, das immer lauter wird, bis der
Kurzschluss es beendet. Der Dämon liebt deshalb die Geselligkeit,
die ich so verehre, gar nicht. Auch unter Leuten hat der Dämon ein
Ziel und eine Absicht, mich fertig zu machen, mir die Freude an den
Menschen zu verunmöglichen.

Mein Dämon ist Galle und Saturn, schwer und böse. Geh weg, Dämon,

fordert die kompensatorische Hyperfokussierung ultimativ, schweige,
stirb, sei still, damit ich mich endlich besser konzentrieren, endlich
besser leben kann. Der Dämon nickt belustigt. Er selbst ist gar nicht
komisch, der Text über ihn schon. Dieser Widerspruch heißt texttypi-
scherweise Anmut, Milde, Unsinn, Wahn.

„Der Dämon“, 7. Kapitel der Antrittvorlesung der Heiner-Müller-Gast-
professur 2012 von Rainald Goetz: Leben und Schreiben. Der Existenz-
auftrag der Schrift. Transkription der Videoaufzeichnung vom 10. Mai
2012, 18.00 Uhr, Hörsaal 1b, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin. 

Samstag, 29. September 2012

Chung Kuo Cina (1972)











Montag, 10. September 2012

Totenhütte, Sonnenschutz


















Heute vor exakt zehn Jahren, einen Tag, bevor sich die Zer-
störung des WTC erstmals jährte, war Heidi Paris in tiefen
Schlaf gefallen. Als man sie fand, atmete sie unüberhörbar
in unheilverheißender Regelmäßigkeit. Wecken ließ sie sich
nicht. Der das Sanitäterteam begleitende Notarzt bestätigte
die während des Wartens aufkeimenden Befürchtungen. Sei-
ne Diagnose – selbstredend unter Vorbehalt – lautete irrever-
sibles Koma... Hirntod. Sollte sie, wider Erwarten, aus die-
sem dennoch erwachen, wäre sie, da dürfe man sich keine
Illusionen machen, nicht mehr dieselbe.

„Und so kamen kurz darauf die Freunde, Hannes Böhringer
hat es beschrieben, an ihr Krankenbett, sie hatte es also ge-
macht, es war so gelaufen, dass sie nicht sofort ganz tot ge-
wesen war, sie lebte noch, bewusstlos, der Körper lebte noch,
gab uns so Gelegenheit, von ihr, die schon mal vorgegangen
war zu den Toten, Abschied noch nehmen zu können.“ So be-
schreibt es Rainald Goetz in loslabern. Heidis Krankenbett
stand in der Intensivstation des Urbankrankenhauses, wo sie
am 15. September für tot erklärt wurde. Am 4. Oktober fand
im Krematorium Wilmersdorf die Trauerfeier statt.

  
















Bestattet wurde Heidi Paris am Nordhang des Teltowplateaus,
das zwischen Monumenten- und Großgörschenstraße sanft zum
Berliner Urstromtal abfällt. Um zu ihrem Grab in der Abteilung
SU des Alten St.-Matthäus-Kirchhofs zu gelangen, steigt man
den Hang hoch, vorbei an einem riesigen Steinkreuz, das aus
dem Gräberfeld hervorragt wie ein SUV aus den am Straßen-
rand geparkten PKW. Hier ruht Friedrich Julius Stahl, Vorden-
ker eines preußisch-protestantischen Gottesstaates und Con-
sultant der Kamarilla Friedrich Wilhelms IV. Jetzt noch schnell
ein Abstecher zu den Gebrüdern Grimm.