Dienstag, 23. Dezember 2014

No Way



















NO WAY!!!!!! PEGIDA WILL NOT MAKE BERLIN HOME!!!!!!
PEgIdA? In Berlin — Fehlanzeige; nicht einmal eine Gegen-
demonstration. Vielleicht weil Berliner „GIDA“ nicht als
Abkürzung für „gegen die Islamisierung des Abendlands“
kennen, sondern als ein türkisches Wort, das „Nahrung“,
„Lebensmittel“ bedeutet: Gıda Marketler, „Lebensmittel-
geschäft“.



















Das historische Ereignis, das 1989 Westberliner bewegte,
war die Gründung des Supermarkts Öz-Gıda, der seit fünf-
undzwanzig Jahren die PG-Tips-, Da Checco-, et al.-Ver-
sorgung sichert. Berlin Gıda, Euro Gıda, Öz Gıda: Wir sind
versorgt. Wir brauchen nichts. Hausieren verboten!

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Sachsens Abendland


















Die Werte des Abendlands verteidigende Sachsen waren in
der Regel Sorben. Bestes Beispiel: Alojs Andritzki. Geboren
am 2. Juli 1914 in Radibor wurde er am 3. Februar 1943 im
KZ Dachau ermordet. Am 13. Juni 2011 in einem Pontifikal-
amt vor der Dresdner Kathedrale Sanctissimae Trinitatis se-
liggesprochen, darf ihm nun an seinem Todestag (3. Feb.)
feierlich gedacht werden. Sonderlich inspiriert war die Be-
gründung des deutschen Papstes nicht: 

Auctoritate Nostra Apostolica facultatem facimus ut Vene-
rabilis Servus Die Aloisius Andritzki, presbyter et martyr,
pastor secundum cor Domini Iesu, intrepidus praeco Regni
Dei, quod regnum est veritatis et vitae, sanctitatis et gra-
tiae, iustitiae, amoris et pacis, Beati nomine in posterum
appelletur, eiusque festum die tertia Februarii, qua in cae-
lum est natus, in locis et modis iure statutis quotannis ce-
lebrari possit.


















Es gibt eine Fotographie, die die Familie des presbyter et
martyr am Tag seiner Beerdigung zeigt (am 15. April 43,
zweieinhalb Monate nach seinem Tod): seine Eltern, sei-
ne beiden Schwestern und zwei seiner drei Brüder. Noch
wissen sie nicht, dass ihr Sohn und Bruder knapp siebzig
Jahre später Gegenstand apostolischer Schreiben wird.
Noch sind sie Sorben unter Nazis.

B. Aloisius, ora pro nobis!

Montag, 10. November 2014

Warum es die Welt nicht gibt


















Widersinnigste, durch zwei Kriege beschleunigte Flucht-
linien mussten sich treffen, damit meine Geburt an ei-
nem der unwahrscheinlichsten Orte stattfinden konnte:
dem amerikanischen Sektor der ehemaligen Reichshaupt-
stadt. Fünfundzwanzig Jahre lebte ich glücklich in jener
selbstgenügsamen urbanización, in der die altehrwürdige
Unterscheidung von extra und intra muros neue Plausibi-
lität erlangte.

Dann streikten im Wintersemester 1988/89 nicht nur in

Westberlin die Studenten. Einige Institute der FU wurden
besetzt, Vollversammlungen und autonome Seminare ab-
gehalten. Goldene Zeiten des Lesens und Posens. Am En-
de Erschöpfung, Resignation ins nicht Erreichte. Letzter
verzweifelter Aufruhr: eine Solidaritätsdemo mit sichtlich
bewegten chinesischen Kommilitonen auf der Straße des
17. Juni für die Studenten auf dem Platz des himmlischen
Friedens — lange bevor es ernst wurde.


















Das vorschriftsmäßig verlaufende Sommersemester 89 be-
steht in meiner Erinnerung aus einer einzigen Lehrveran-
staltung, deren genaue Typenbezeichnung (PS, HS, OS, V)
mir entfallen ist. Jedenfalls bot der Dozent einen Kittler’
schen Nietzsche-Kommentar (Geburt der Tragödie, Wag-
ner-Schriften, etc.), der gelegentlich durch Wissensfragen
an die Hörer unterbrochen wurde. Taubes weilte nun seit
gut zwei Jahren nicht mehr unter den Lebenden, was Bolz
verwunden zu haben schien. Er war bester Dinge. Man be-
kam direkt Lust auf ein Auslandsstudium. Die Semesterfe-
rien mit der Evaluierung diverser spanischer Universitäts-
städte verbracht: Erste Zweifel regten sich. Zweifel, die
schnell zerstreut waren, als mich der Restelan die Ferien-
sprechstunde des Leiters der ZE Moderne Sprachen wahr-
nehmen ließ.

Vorbei an dem Hörsaal, in dem vor paar Monaten Ringvor-

lesungsgast Sloterdijk — obgleich von der Holzpistole des
Lehrveranstaltungssprengkommandoführers Christian be-
droht — unerschrocken das eigentliche Problem des Uni-
streiks benannte: „Sie setzen den Fuß auf eine Leiche.“
Vor der Zentraleinrichtungsleitertür sprach ich ein Stoß-
gebet an die vier norddeutschen Nothelfer: „Etwas besse-
res als den Tod findest du überall!“ Und siehe da, ehe ich
meine Fragen zu den Sprachprüfungen für ein Auslandssti-
pendium stellen konnte, war ich es, der zu antworten hat-
te: Ob es im Bereich des Vorstellbaren läge, lieber heute
als morgen nach Barcelona aufzubrechen, um als erster
Erasmusstudent der FU Berlin an der Escola Universitària
de Traductors i Intèrprets der Universitat Autònoma de
Barcelona ein Studienjahr zu verbringen. Ende September
ging es im schwer beladenen Kadett richtung Katalonien.

















Von Wohnungssuche und Studienleistungsanerkennungsfragen absorbiert, ganz weit weg von Deutschland. Und es ist 1989: kein Internet, kein mobile 

Freitag, 7. November 2014

Willensmetaphysik

 
















Wer seinen Kindern schon in jungen Jahren auf spielerische
Weise den Geist unermüdlicher Tätigkeit einpflanzen möch-
te, dem sei zum Besuch eines kulturellen Monuments unse-
rer westlichen Nachbarn geraten, das sich in Hauterives be-
findet, einer Gemeinde mit 1720 Einwohnern im Norden des
Département Drôme: Der Idealpalast des Postboten Pferd.
Kinder, je jünger desto besser, kapieren sofort, worum es
geht. Willenlos händigt man den sogenannten Foto an das
fordernde Kleinkind aus — und wird belohnt:
An Infant’s View of facteur Cheval’s «Ideal Palace».



















© Franz Hiepko, Hauterives (2014).

Montag, 27. Oktober 2014

We’ll never stop living this way


















Bekanntlich steht im L’Abécédaire de Gilles Deleuze, ei-
nem 1988 aufgezeichneten, alphabetisch strukturierten
Fernsehinterview, das T für Tennis. Deleuze spricht von
Vilas, Lendl, Connors (folgerichtig ignoriert er den Deut-
schen, der 1985 den ersten Sieg auf seinem Vernichtungs-
feldzug feierte), doch im Zentrum seiner Überlegungen
stehen zwei Spieler, die auf den Centre Courts eine alte
Frage zu beantworten suchten: „Wissen wir, was ein Kör-
per vermag?“   

Den großen Wendepunkt im Tennis markierte seine Pro-

letarisierung. Eine Proletarisierung mit Einschränkungen. 
Ich will damit sagen, dass Tennis ein Massensport wurde.
Nicht proletarische Massen, sondern Massen von leitenden
Angestellten, doch nennen wir es Proletarisierung. […] Es
war Borg, dem wir einen massenkompatiblen Tennisstil
verdanken. […] Dieses Massentennis setzte die Erfindung
einer völlig neuen Spielweise voraus. Der Anti-Borg, das
war McEnroe. Jeder konnte Borgs Spielweise nachvollzie-
hen. Topspin, hohe Bälle. Das war das Gegenteil aristo-
kratischer Prinzipien. Welch ein Genie! Borg ist wie Chris-
tus, ein Aristokrat, der zum Volk geht… ein… doch ich rede
dummes Zeug! […] McEnroe war der Aristokrat. Ägyptischer
Service. Russische Seele. Er erfand seine Schläge und wusste,
dass sie niemand würde nachahmen können. Ihm gelangen
atemberaubende Schläge. Er setzte die Bälle. Er erfand das
Serve-and-volley-Gefüge.

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Odiles Cousin


















Vor gut fünfzig Jahren kam ein Film in die französischen
Kinos, in dem Patrick Modianos Mutter in einer Nebenrol-
le zu sehen war: Jean-Luc Godards Bande à part. Louisa
Colpeyn spielte Mme Victoria, die Tante der Protagonistin
Odile (Anna Karina). Auch wenn es jeder weiß, der sich
mit der Geschichte des Kinos ein wenig auskennt: Odile,
die in der Villa ihrer Tante im Pariser Vorort Joinville als
Hausmädchen arbeitet, lernt in einem Englischkurs Franz
(Sami Frey) kennen. Gemeinsam mit dessen Freund Arthur 
(Claude Brasseur) schlagen sie die Zeit tot: Sie cruisen in
einem Simca Cabrio durch Paris, tanzen in Cafés, rennen
durch den Louvre. Als Odile erzählt, dass bei ihrer Tante
ein gewisser Herr Stoltz ein Zimmer habe, in dem er un-
ermesslich viel Geld aufbewahre, passiert, was passieren
muss. Am Ende sind die Tante und Arthur tot, Odile und
Franz brechen auf gen Süden.   

Freitag, 3. Oktober 2014

Exportweltmeister


















Wie uns jüngst von einem bayerischen LKA-Mann glaub-
haft erklärt wurde, liefert Deutschland nicht nur fleißig
Kleinwaffen in alle Welt, sondern auch die erforderlichen
user gleich mit. Stehen einem ausreisewilligen Islamisten
nicht die erforderlichen Finanzmittel zur Verfügung, wird
er auf Staatskosten in die Türkei ausgeschafft: in der Re-
gel in Ortschaften nahe der syrischen Grenze. Der Export
gefährlicher Güter hat in Deutschland Tradition. In der 2.
Hälfte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war es der
nationalsozialistisch kontaminierte Heidegger, den man in
Südfrankreich Seminare geben ließ. Anders als dem jüngst
für den Export bestimmten Allgäuer Fachabiturienten und 
Wirtschaftsinformatikstudenten ging es Heidegger jedoch
nicht darum, jungen Ausländern den Kopf abzutrennen,
sondern lediglich zu verdrehen.
 
Dass Heideggers Auslandsmission erfolgreich war, bezeugen
Namen wie Sartre, Levinas, Foucault, Derrida und Agamben.
Zugleich weisen diese Namen darauf hin, dass deutsche „Ge-
richte“ über seinen Nationalsozialismus und seinen Antisemi-
tismus nicht zu befinden haben. Als sich das offensichtlich in
Atemnot befindende Philosophiemagazin Hohe Luft zum 125.
Geburtstag Heideggers mit dem Hashtag #schlussmitheidegger aufmerksamkeitsökonomisch Luft zu verschaffen versuchte,
erregte das lediglich den Widerspruch des abgehalftertsten
Gauls, der auf Friedes Gnadenhof für meinungsstarke Journa-
listen ein dürftiges Dasein fristet: „… die Enkelin Imke erzählt,
dass er sich Zeit genommen hat, man hörte Musik zusammen,
er konnte sich herrlich über Fussball ereifern, Beckenbauer
war sein Held. Wie schön zu wissen, dass bei Heideggers nicht
nur von den letzten Dingen geraunt wurde.“

Wenden wir unseren Blick ab vom deutschen Trauerspiel und
widmen uns der jungen Frau, die der achtzigjährige Philosoph
mit einem Blick bedenkt, den wir sonst nur von den Greisen
kennen, die Susanna beim Baden betrachten. Die Sophistik-
spezialistin Barbara Cassin nahm 1969 am dritten und letzten
Seminar von Le Thor teil. François Fédier verdanken wir nicht
nur dieses Foto (Soixante-deux photographies de Martin Hei-
degger, Paris: Gallimard 1999). Der Nouvel Obs veröffentlich-
te vor einem Monat, was sie Eric Aeschimann über ihre Begeg-
nung mit dem penseur allemand erzählte.

September 1969, ich war 22 und zu dem Seminar eingeladen,
dass Heidegger in Le Thor bei René Char gab. Wir waren weni-
ger als zehn Teilnehmer, wohnten im hôtel du Chasselas, wo
wir gemeinsam aßen. Heidegger hielt sein Seminar morgens
ab, nachmittags machten wir gelegentlich ausgedehnte Spa-
ziergänge. 

Es war ein Glücksfall, an diesem Seminar teilnehmen zu kön-
nen. Wir wussten alle, dass er Nazi gewesen war, Rektor der
Universität, aber wir waren bei René Char, dem Capitaine
Alexandre der Résistance. Heidegger erklärte uns die Grie-
chen und die Bedeutung der Dichtung für das Denken. In sei-
nem schwülstigen Deutsch standen sich Philosoph und Dichter
auf zwei Gipfeln gegenüber; Char sah in ihnen Gefangene, die
durch ein kleines Loch in der Wand kommunizieren. 

Selbst als Jüdin war seine Vergangenheit für mich nicht hinder-
lich, sondern fragwürdig. Doch als ich nach ein paar Tagen mei-
ne Briefe auf die Post gab, sprach mich jemand an: „Sie heißen
Cassin und frühstücken mit einem Nazi!“ Und er spuckte mich
an. In dem Moment wurde mir etwas klar, dass ich heute dank 
Arendt so formulieren möchte: Philosophen lieben Tyrannen,
das ist ihre déformation professionnelle.

Als ich die Feier seines achtzigsten Geburtstags in der Schweiz

besuchte, frühstückte ich bei ihm in Freiburg gemeinsam mit
seiner Frau Elfriede mit Blick auf ihr unbeheiztes Schwimmbad,
in dem sie jeden Morgen schwammen. Ich glaube nach wie vor,
dass Heidegger ein großer Philosoph und zugleich ein gewöhn-
licher Nazi war: Damit muss die Philosophie zurechtkommen.