Mittwoch, 1. Juli 2015

Im Winterquartier der Theorie

















 
Die Theorie, die bekanntlich schon seit langem klein und
hässlich ist und sich nicht darf blicken lassen, sucht seit
fünfundzwanzig Jahren nach einem geeigneten Winter-
quartier. Weder Drittmittelanträge, noch Manifeste von
Aktivisten, Paratexte der sogenannten Kunstwelt und der
Stadttheater aller Sparten konnten ihr zum Habitat wer-
den. Womöglich ist sie nun doch noch fündig geworden:
Sie quartiert sich bei Gucci ein. 

Gewinnen soll immer das Mannequin, das man ›kapitalis-
tischen Realismus‹ nennt. Es kann es ohne weiteres mit
jedem aufnehmen, wenn es die Theorie in seinen Dienst
nimmt.



















Oder ist alles ganz anders? Ist Alessandro Micheles Theo-
riemode nur der Vorwand für die Möglichkeit eines ande-
ren Lebens. Einiges spricht dafür. Vor allem seine präten-
tiösen cartelle stampa, seine schwülstigen press notes.
Bestes Beispiel: die letzte Presseerklärung im Original:

“Il détournement è il contrario della citazione” (Guy De-
bord). È un gioco capace di rimettere in circolo frammen-
ti decontestualizzati, oggetti ritrovati per caso e strappa-
ti alla loro storia, preesistenze che smarriscono il loro
senso originario. È un agire che prende e ricolloca, che
distrugge e fa rinascere. È un posizionamento in cui co-
esistono negazione e preludio.



 














In questo senso, il détournement si configura come una
pratica estetica che riannoda frammenti dispersi all’in-
terno di un nuovo insieme significante. Attraverso una
ludica capacità di intercettare e riassemblare l’esisten-
te in un inedito quadro di senso, ogni frammento acqui-
sisce un nuovo impulso vitale. Il risultato è una partitu-
ra di indizi recuperati dove coesistono significati antichi
e qualità emergenti. Una polifonia eclettica in cui segni
e mondi vitali acquisiscono nuove accezioni e valori.
La collezione Uomo Primavera/Estate Gucci by Alessan-
dro Michele si muove proprio in questa direzione. Ogni
abito è costruito attraverso accostamenti e giustapposi-
zioni di memorie che vengono proiettate in un nuovo o-
rizzonte poetico. Poetico in quanto germinativo di ine-
diti significati. Forme, decori, dettagli e lavorazioni si
amalgamano all’interno di una trama rinnovata dove si
producono slittamenti di senso. Da questo punto di vis-
ta, il recupero di frammenti provenienti da un altrove
spazio-temporale non è il ritorno dell’identico, non è la
riproposizione del passato come fatto inerte. Piuttosto
è il ridiventar possibile di ciò che è stato. È la reinven-
zione di occasioni accantonate. La memoria infatti è uno
strumento potente, capace di restituire al passato la sua
possibilità (G. Agamben) e una nuova ragion d’essere.


















In questa cornice, la pratica giocosa del détournement 
situazionista produce uno spiazzamento dello sguardo.
Attraverso la riappropriazione di frammenti discorsivi
decontestualizzati, elabora un nuovo linguaggio, una
nuova idea di bellezza. Ma il principio compositivo che
la sostanzia non è solo di carattere estetico. Il détour-
nement è anche e soprattutto un dispositivo politico.
La sua forza consiste nella possibilità di superare l’esis-
tente e di far intravedere nuove possibilità di libertà di
emancipazione. Si tratta di un cammino che, nel ritrova-
re “quel giusto senso dell’anacronia” (J. Derrida), è ca-
pace di rimettere in connessione la scatola dei ricordi
con quella dei sogni e di riannodare, in nuove forme, i
serbatoi della memoria con i barlumi di immaginario
che ci conducono verso il futuro.

PS. IS = Internationale der Situationisten. 

Samstag, 20. Juni 2015

Der Pulcinell


















Als der Venezianer Giovanni Domenico Tiepolo seinem
Vater Giovanni Battista half, das Treppenhaus der Würz-
burger Residenz auszumalen, nutzte er die freie Zeit,
um einen genialen „Flucht nach Ägypten“-Zyklus zu ra-
dieren. Seine Liebe galt jedoch einer dem neapolitani-
schen Volkstheater entsprungenen Maske der commedia
dell’arte: Pulcinella.

Einen gewissen Trost spenden die Mauersegler in der rech-
ten oberen Ecke. 

Donnerstag, 4. Juni 2015

Transgender is dead


















Die Zeitungen sind voll davon. Absehbar und dann doch
überraschend ist Transgender verstorben. Vanity Fair liest
kommenden Dienstag die Exequien. Die Facies hyppocrati-
ca des Zugrabezutragenden abzulichten, blieb der „bedeu-
tendsten Fotografin unserer Zeit“ vorbehalten, der Leichen-
wagen, ein Porsche 911 GT 3 RS — Geschmackssache. Grund
genug, um an einen Wahrheitszeugen zu erinnern, der am
22. Mai seinen 50sten Geburtstag hätte feiern können, wäre
er nicht im Dezember 1988 in New York erwürgt worden.

Von Venus Xtravaganzas Leben und Sterben erzählt Jennie
Livingstons Paris Is Burning, ein Dokumentarfilm über die
New York City ball culture von 1990.
 
In Paris Is Burning, she notes the racial and socioeconomic 
barriers faced by many in the ball scene. She dreamed of
being “a spoiled, rich, white girl living in the suburbs” in
order to gain access to the lifestyle she envisioned for her-
self. In one of her interviews, she describes the transphobia
she experienced during her time as a sex worker, one time
having to flee for her life by escaping through a window,
after a client had become enraged upon discovering she
was not a cisgender woman. At the time the documentary
was filmed, she was an aspiring model. She was saving mo-
ney for sex reassignment surgery. (Wikipedia)  

Montag, 11. Mai 2015

Im Dol


















Wir sehen einen jungen Mann, Anfang 20, der — wäre er
nicht im Juni 1968 in Brüssel gestorben — heute seinen 113.
Geburtstag feiern könnte. Er lehnt sein vom Denken schwe-
res Haupt an den Rauhputz seiner Villa in Berlin Dahlem: Im
Dol 54. Sollte es tatsächlich so etwas geben wie eine erste
Adresse, dann diese. Wer wissen will, was den russischen
Emigranten Alexander Koschewnikoff bewegte, kann das in
seinem Tagebuch eines Philosophen nachlesen, das kürzlich
bei Matthes und Seitz erschienen ist. Dort heißt es nicht un-
bescheiden:

Bolschewismus in der Kunst = Kandinski
Bolschewismus in der Wissenschaft = Einstein
Bolschewismus in der Philosophie = Ich

 

Freitag, 1. Mai 2015

Love is in the air



















Den lieben langen Mai
entsorgen wir den Graal
und feiern den Verfall
in Dirks Schönfärberei.

Mittwoch, 22. April 2015

Stasis


















Heute hat Giorgio Agamben sein 73. Lebensjahr vollendet.
Bereits im Januar dieses Jahres vollendete er etwas, das
man einmal als Opus magnum bezeichnet hat. Mit dem im
Januar bei Bollati Boringhieri erschienenen Buch Stasis. La
guerra civile come paradigma politico [„Stasis. Der Bürger-
krieg als politisches Paradigma“] schließt Agamben seine
unter dem Titel Homo sacer versammelten Studien endgül-
tig ab. Als im September letzten Jahres bei Neri Pozza mit
L’uso dei corpi der nicht nur numerisch, sondern auch in di-
versen Interviews vom Autor selbst zu solchem erklärte letz-
te Band IV,2 des Homo sacer-Zyklus erschien, rätselte die
Gemeinde, weshalb es keinen Homo sacer II,4 geben sollte.
Blicken wir noch einmal zurück. Vor gut vierzehn Jahren, im
Januar 2001, erschien ein Gespräch von Hanna Leitgeb und
Cornelia Vismann mit Giorgio Agamben in der damals noch
existierenden Zeitschrift Literaturen. Agamben äußert sich
auch zum Homo sacer:  

Homo sacer ist […] der erste Band in einer Reihe, in der drei
weitere Bücher stehen. Eines, Homo sacer III, ist bereits er-
schienen: Was von Auschwitz bleibt, ein ethisches Korrelat,
eine Theorie der Subjektivität. Ein zweiter Teil, an dem ich
gerade arbeite, wird eher historisch sein, eine historisch-
genealogische Untersuchung, wie das Konzept von Leben ge-
formt wurde. Er wird unter anderem ein wichtiges Kapitel
über das Phänomen Bürgerkrieg enthalten. Der vierte und
letzte Teil wird sich schließlich mit dem Konzept der Lebens-
Form befassen. Mit Lebens-Form meine ich ein Leben, das ab-
solut untrennbar ist von seiner Form, ein bios, das allein sein
zoé ist und das deswegen nicht davon getrennt werden kann.
Es handelt sich um kein universales Prinzip […], sondern um
ein operatives Konzept, das mir ermöglicht, über die Tren-
nungen zu arbeiten. Konzepte dieser Art dürften im 20. Jahr-
hundert in der Philosophie nicht unbekannt sein. Das Dasein 
bei Heidegger, bei dem Sein und Seiendes ununterscheidbar
sind, entstammt demselben strategischen Bedürfnis.

Ein zweiter Teil, an dem ich gerade arbeite, wird […] eine
historisch-genealogische Untersuchung, wie das Konzept von
Leben geformt wurde. Er wird unter anderem ein wichtiges
Kapitel über das Phänomen Bürgerkrieg enthalten.Im Rück-
blick auf dieses vierzehn Jahre alte Interview wird klar, dass
Agamben mit einer für ihn charakteristischen Geste etwas,
das von Beginn an als dringlichste Frage empfunden wurde,
am Ende nachgeliefert wird wie die Zugabe eines Konzerts.
Zuerst erschienen vier andere Bände: 2003 Homo sacer II,1:
Stato di eccezione (Ausnahmezustand, 2004), 2007 Hs II,2: Il
Regno e la Gloria (Herrschaft und Herrlichkeit, 2010), 2008
Hs II,3: Il sacramento del linguaggio (Das Sakrament der Spra-
che, 2010), 2012 Hs II,5: Opus Dei (dtsch. 2013). Die Zählung
ließ einen fünften Teilband erwarten: Homo sacer II,4. Wenn
mit Stasis nun der vierte Band des zweiten Teils erschienen
ist, scheint alles seine numerische Ordnung zu haben. Doch
der erste Eindruck täuscht. Stasis wird nämlich als Homo sa-
cer II,2 deklariert. Doch Band II,2 gibt es längst: Il Regno e la
Gloria. Es kursieren zwei Erklärungen für diese Ungereimtheit:
manche vermuten einen Praktikantenfehler, andere eine ge-
wollte Umstellung. Für die zweite Erklärung spricht nicht nur,
dass Ausnahmezustand (II,1) und Bürgerkrieg (Stasis, II,2) ähn-
lich solidarisch sind wie die „Archäologie des Amts“ (Opus Dei,
II,5) und die „theologische Genealogie von Ökonomie und Re-
gierung“ (Il Regno e la Gloria, vormals II,2, jetzt II,4).          

Montag, 13. April 2015

Ulfs Tragödientheorie

















 
Der Aufsichtsratsvorsitzende sieht sein Lebenswerk ge-
fährdet und will diesem Werk seinen Ziehsohn opfern.
Er, der fleißige Auto-Euphoriker und brillante Qualitäts-
optimierer, ist ein Mann aus einfachen Verhältnissen,
der seinen Erfolg in der Regel zurückhaltend genoss und
dem die Loyalität zu seinem obersten Controller wich-
tig war. Für ihn beginnt eine harte Zeit. Doch er hat er-
kennen lassen, dass er diese Attacke so nicht hinnehmen
wird — aber die Frage steht im Raum, wie es weiterge-
hen soll… und wer das Opfer sein muss.