Sonntag, 13. Juni 2010

Gesang des Tyrannen



Pindars Zweite Pythische Ode ist dem Tyrannen Hieron I.
von Syrakus gewidmet, an dessen Hof sich der Dichter in
den Jahren 476 bis 474 v. Chr. aufhielt. Sie besingt einen
Sieg, den der „kunstliebende“ Tyrann im Wagenrennen er-
rungen hatte. Um 1800 n. Chr. hat Hölderlin den Gesang
„ins Deutsche“ übertragen. Hölderlins Fassung der ersten
Strophe lautet wie folgt:

Grosstädisches o Syra-
kusä, des tiefkriegenden
Altar des Ares, von Männern
Und Rossen, eisenerfreuten
Dämonische Nährerin,
Euch diesen vom üppigen Thebä
Bringend den Gesang komm ich,
Die Botschaft des Wagenkampfes des erderschütternden,
Der wagenkundige Hiero, in welchem siegend
Mit weithinglänzenden ange-
bunden hat Ortygia mit Kronen,
Der stromliebenden Siz der Artemis
Ohn welche nicht in weichen
Händen er die buntgezäumten
Bezähmt hat, die Füllen.

HIAPON O ΔEINOMENEOΣ / KAI TOI ΣYPAKOΣIOI / TOI ΔI
TYPPANON AΠO KYMAΣ

Freitag, 7. Mai 2010

Ein leiser Hauch



Kunst und Terror; der Ursprung des guten Geschmacks und
seine Beziehung zur Perversion; der Einzug der Kunst in Mu-
seen und Sammlungen; die Trennung von Künstler und Be-
trachter, Genie und Geschmack; die Entstehung der Kritik –
mit anderen Worten: die Geburt der modernen Ästhetik ist
Gegenstand dieser Untersuchung, die mit einer Relektüre
der Hegelstellen über den Tod, oder vielmehr die »Selbst-
vernichtung« der Kunst beginnt, um in einer höchst eigen-
willigen Interpretation von Dürers Melencolia zu münden.
Ihm auf diesem Weg zu folgen, lädt uns der ungewöhnlich
reiche Essay ein, mit dem Agamben nicht nur eine neue Per-
spektive auf das Problem des Kunstwerks eröffnet, sondern
auch ein fesselndes poetisches Programm entwirft. Mit Kafka
davon überzeugt, dass die architektonische Grundfrage zum
ersten Mal im brennenden Haus aufgeworfen wird, betreibt
Agamben im Rahmen seiner Untersuchung eine regelrechte
»Zerschlagung« der Ästhetik, die uns durch die Erschütterung
unseres gewohnten Kunstverständnisses den wahren Sinn des
ästhetischen Projekts des Abendlandes vor Augen führen und
so seine Überwindung ermöglichen soll. Als Ariadnefaden
dient die Trennung von Künstler und Betrachter, von einer
Kunst, wie sie dem Künstler und einer Kunst, wie sie dem Be-
trachter widerfährt, die Agamben als den Hauptwiderspruch
der Ästhetik betrachtet.

Samstag, 24. April 2010

Marcions fremder Gott



Marcion verkündigte „Gott konsequent und ausschließlich als
den guten Erlöser, zugleich aber als den Unbekannten und als
den Fremden. Unbekannt ist er, weil er in keinem Sinn an der
Welt und an dem Menschen erkannt werden kann; fremd ist er,
weil ihn schlechterdings kein naturhaftes Band und keine Ver-
pflichtung mit der Welt und dem Menschen verbindet, auch
nicht mit seinem Geiste
. Als ein in jedem Sinn fremder Gast
und fremder Herr tritt dieser Gott in die Welt ein.“

„Religion ist Erlösung – der Zeiger der Religionsgeschichte stand
im 1. und 2. Jahrhundert an dieser Stelle; niemand konnte mehr
ein Gott sein, der nicht ein Heiland war. In wundervoller Weise
kam die neue christliche Religion dieser Erkenntnis entgegen,
und der Apostel Paulus hat sie bereits so gestaltet, daß er Chris-
tus als Erlöser zum Mittelpunkte der gesamten christlichen Ver-
kündigung machte. […] Und neben Paulus standen zahlreiche
Lehrer, die an der Aufgabe arbeiteten, den christlichen Gottes-
begriff nach dem Heiland Christus zu erfassen und zu bestimmen.
Auch auf dieser Linie steht Marcion; aber auch auf ihr ist er bis
zur äußersten Konsequenz fortgeschritten. Neben der Erlösung
darf schlechthin nichts stehen; sie ist etwas so Großes, so Erhabe-
nes, so Unvergleichliches, daß der, der sie hat und bringt, nichts
anderes sein kann als eben der Erlöser. Der christliche Gottesbe-
griff muß daher ausschließlich und völlig restlos nach der Erlösung
durch Christus festgestellt werden. Also kann und darf Gott nichts
anderes sein als das Gute im Sinne der barmherzigen und erlösen-
den Liebe. Alles übrige ist streng auszuscheiden: Gott ist nicht der
Schöpfer, nicht der Gesetzgeber, nicht der Richter, er zürnt und
straft auch nicht, sondern er ist ausschließlich die verkörperte, er-
lösende und beseligende Liebe.“

NICHT KEHREN DIE MENSCHEN DURCH DIE ERLÖSUNG IN IHR VATER-
HAUS ZURÜCK, SONDERN EINE HERRLICHE FREMDE IST AUFGETAN
UND WIRD IHNEN ZUR HEIMAT.

Mittwoch, 31. März 2010

Philosophie der Liebe


Alexander Koschewnikoff, Die religiöse Philosophie Wladimir
Solowjews
, Berlin 1926; S. 408 des handschriftlich korrigierten
Typoskripts.

KAPITEL IV:
DIE PHILOSOPHIE DER LIEBE
1. Das Endziel der Menschheit besteht nach Solowjew bekannt-
lich in der Verwirklichung der All-einheit und in der Vereinigung
mit Gott. Das Aufzeigen der Mittel zu dieser Verwirklichung
macht den Inhalt der Ethik aus. In der "Rechtfertigung" sagt er
nun, das natürliche Geschlechtsleben sei das moralische Haupt-
übel, indem es die Einheit mit der Natur, mit den Menschen
und mit Gott vernichte. Die Umgestaltung des natürlichen Ge-
schlechtsverhältnisses zur wahren Liebe der Geschlechter zu-
einander erscheint also als die wichtigste moralische Aufgabe;
erst ihre Lösung wird die Menschheit zur Vollkommenheit brin-
gen. Dieser letzte Gedanke wird in der "Rechtfertigung" nur
angedeutet und erst in der Philosophie der Liebe deutlich aus-
gesprochen, sodass ihr Inhalt sich mit dem der Ethik völlig zu
decken scheint. In der Tat gibt die Liebesphi= [406 = 407]

losophie ein grossartiges Bild der allgemeinen Welterlösung, die
durch eine universelle Organisation der wahren Geschlechtslie-
be herbeigeführt wird; es wird ferner ausdrücklich behauptet,
dass eine wirkliche und wirksame Liebe nur als sexuelle Liebe
auftreten kann. In Ansehung dessen nun, dass die Ethik Solow-
jews eine Ethik der Liebe ist, müsste eigentlich seine Liebes-
philosophie die Ethik völlig ersetzen. Und doch ist diese Iden-
tifizierung beider Lehren nicht aufrecht zu erhalten, da die
Geschlechtsliebe mit der Liebe zu Gott und zu den Mitmen-
schen offenbar nicht gleichgesetzt werden kann, trotzdem
diese beiden Formen der Liebe für die Erreichung des End-
zieles unbedingt notwendig sind. – Insofern ist also in den Be-
hauptungen Solowjews ein ungelöster Widerspruch vorhanden.
Es scheint damit folgende Bewandtnis zu haben: Systematisch
bildet die Liebesphilosophie einen integrierenden Bestandteil
der Ethik; durch die wahre Geschlechtsliebe wird die absolute
Vereinigung der beiden Geschlechter erzielt und damit die
allgemeine Vereinigung der Menschheit vorbereitet; zugleich
wird in ihr das wahre Verhältnis zum menschlichen Leibe und
indirekt zur ganzen Natur erreicht. So bildet die Liebesphilo-
sophie eine notwendige Ergänzung der Ethik, und zwar [408]

Freitag, 12. Februar 2010

A pleasant hoax


The following novel was originally produced in the German lan-
guage, as a soi disant translation from Sir Walter Scott, to meet
the demands of the last Easter fair at Leipsic.

In Germany, from the extreme difficulties and slowness of com-
munication between remote parts of the country, it would be
altogether impossible to effect the publication of books […]
without some such general rendezvous and place of depôt and
exchange as the Leipsic fair presents to the dispersed members
of the publishing body. By means of this fair […] a connexion is
established between the remotest points of the German conti-
nent—which […] comprehends many parts of Europe that politi-
cally are wholly distinct from Germany. The publishers of Vien-
na, Trieste, and Munich, here meet with those of Hamburgh and
Dresden, of Berlin and Königsburg: Copenhagen and Stockholm
send their representatives: and the booksellers of Warsaw and
even of Moscow are brought into direct contact with the agents
of the foreign booksellers in London.

Hence, as may be supposed, it is an object of much importance
that all books, which found any part of their interest upon their
novelty, should be brought out at this time: and something or
other is generally looked for from the pen of every popular writer
as a means of giving zest and seasoning to the heavy Mess-Catalog.
If it happens therefore upon any account that an author fails to
meet these expectations of the Leipsic fair,—obliging persons are
often at hand who step forward as his proxy by forging something
in his name. This pleasant hoax it was at length judged convenient
to practise upon the author of Waverley; the Easter fair offering a
favourable opportunity for such an attempt, from the circumstance
of there being just then no acknowledged novel in the market from
the pen of that writer which was sufficiently recent to gratify the
wishes of the fair or to throw suspicion upon the pretensions of the
hoaxer. These pretensions, it is asserted, for some time passed
unquestioned; and the good people of Germany, as we are assured,
were universally duped. A work, produced to the German public
and circulated with success under such assumptions, must naturally
excite some curiosity in this country; to gratify which it has been
judged proper to translate it.

It may be as well to add that the name “Walladmor” is accented
upon the first syllable, and not upon the penultimate, by the German
author; who may reasonably be allowed to dictate the pronunciation
of names invented by himself.

Sonntag, 3. Januar 2010

Ultimative Engelkunde


Für klaustrophil veranlagte Menschen, denen es ein Graus
ist, Teil großer Menschenmengen zu sein, ist der Himmel
eine denkbar doofe destination. Denn
die Fanmeile Gottes
ist einem Spruch des Propheten zufolge hoffnungslos über-
füllt: »Der Himmel
knirscht, denn in ihm ist kein Fußbreit,
der nicht von einem sich verbeugenden oder knienden Engel
besetzt wäre«. Aber auch jenen, die das Bad in der Menge
nicht scheuen, sei geraten, die Wahl ihres letzten Reiseziels
nicht leichtfertig zu treffen. Anders als uns Wim Wenders’
Himmel über Berlin weismachen will, sind Engel nämlich
alles andere als harmlos. Dass sie wahlweise dem lautlosen
Lesen beflissener Nutzer öffentlicher Bibliotheken lauschen,
sich in Trapezkünstlerinnen verlieben oder liebenswürdige
Detektive in amerikanischen Krimiserien spielen, ist eher
die Ausnahme. In der Regel mischen sie sich permanent in
die Angelegenheiten der Menschen ein: als Ökonomen des
Heils, Führer der Menschen und Lenker der Welt. Gibt es
eine Möglichkeit, sich dieser impertinenten Beamten des
Himmels zu entledigen?


Die Ausschaltung, die Unschädlichmachung der Engel setzt
voraus, dass man sich mit ihrer Funktionsweise vertraut ge-
macht hat. Was bislang einer mühsamen Recherche bedurfte,
ist nun wesentlich erleichtert worden: dank einer monumen-
talen Kompilation angelologischer Texte, die vor paar Tagen
in Italien erschienen ist. (Die Angaben zum Umfang des Wer-
kes sind widersprüchlich. Sie schwanken zwischen 2010 und
2048 Seiten.) Der von Giorgio Agamben und Emanuele Coccia
herausgegebene und eingeleitete Band trägt den schlichten
Titel
Angeli. Ebraismo Cristianesimo Islam (Engel. Judentum
Christentum Islam) und kostet 70 Euro. Am 27. November des
vergangenen Jahres veröffentlichte La Reppublica Auszüge aus
der Einleitung der Herausgeber. Hier deren Übersetzung:

„Vielleicht ist in der Moderne über keinen anderen Gegenstand
mehr und zugleich mit weniger Scharfsinn geschrieben worden
als über die Engel. Ihre zugleich strahlende und erschöpfte, ge-
dankenverlorene und effiziente Gestalt ist über die Gebete und
alltäglichen Kulte des Abendlandes hinaus nicht nur in die Philo-
sophie, Literatur, Malerei und Bildhauerei, sondern auch in die
Tagträume, in Subkultur und Kitsch so tief eingedrungen, dass
es ausgeschlossen scheint, sich ein annähernd stimmiges Bild
des Themas zu machen. Und auch wenn im 20. Jahrhundert der
Engel in den Elegien Rilkes und der Malerei Klees, in den Thesen
Benjamins und der Gnosis Corbins mit aller Macht wiederkehrt,
erscheint uns heute sein Gebaren nicht weniger rätselhaft als
das der Seraphim, die in der hetoimasia tou thronou der früh-
christlichen und byzantinischen Basiliken schweigend den leeren
Thron der Herrlichkeit hüten. Schlägt man jedoch die patristi-
schen und scholastischen Traktate über Engel auf, stellt sich die
Lage völlig anders dar. Hier hat die Angelologie ihren Ort in der
Ökonomie der göttlichen Weltregierung, deren Minister die Engel
sind. Nicht nur, dass die ausführlichste Behandlung, die Thomas
der Angelologie widmet, einen integralen Bestandteil jenes Ab-
schnitts der Summa theologica bildet, der die Lenkung der Welt
behandelt, auch die Rangbezeichnungen der Engelshierarchie
sind seit jeher in weiten Teilen mit der Terminologie der Macht
identisch: »Herrschaften, Obrigkeiten, Mächte, Throne«; nicht
nur, dass der Traktat des Pseudo-Dionysius den Titel Von der
himmlischen heiligen Herrschaft (dies ist die ursprüngliche Be-
deutung des Wortes »Hierarchie«) trägt, die Hierarchien der
irdischen, sowohl kirchlichen wie weltlichen Herrschaft sind
eine genaue Imitation der englischen. Selbst die Terminologie
der modernen öffentlichen Verwaltung

Donnerstag, 26. November 2009

Abendländische Eschatologie


1947 erschien im Berner A. Francke Verlag Jacob Taubes’
Dissertation Abendländische Eschatologie. Im selben Jahr
veröffentlichten die Pariser Éditions Gallimard
die Vorle-
sungen, die Kojève von 1933 bis 1939 an der École des
Hautes Études über die Phänomenologie des Geistes ge-
halten hatte,
unter dem Titel Introduction à la lecture
de Hegel
. Zu den zentralen Themen von Kojèves Hegel-
Lektüre zählte das Problem vom Ende der Geschichte,
das „die endgültige Aufhebung des Menschen im eigent-
lichen Sinne oder des freien, geschichtlichen Individuums“
zur Folge hat. Doch was wird aus den Lebewesen, den
„Tieren der Spezies Homo sapiens“, wenn der mühselige
Prozess der Arbeit und der Negation, der sie „Menschen
im eigentlichen Sinne“ werden ließ, vollendet ist?

"Indem Hegel die antik-christliche Welt, eine Epoche von
zweieinhalb Jahrtausenden abschließt, beendet er […] die
Geschichte des abendländischen Geistes. Eine neue Epoche
beginnt, die einen neuen Äon einleitet, der in einem tiefe-
ren Sinne als dem des Kalenders post Christum ist. Diese
Epoche, in der die Schwelle der abendländischen Geschich-
te überschritten ist, weiß sich zuerst als Nicht-Mehr des
Vergangenen und als Noch-Nicht des Kommenden. Dürftig
erscheint diese Zeit allen schwachen Geistern, die sich
nach Gehäusen und Sicherungen sehnen. Dem Kommenden
aber dient man nicht, indem man das Gewesene verteufelt
oder neu belebt, sondern allein dadurch, daß man standhält
im Nicht-Mehr und Noch-Nicht, im Nichts der Nacht, und sich
eben damit offen hält für die ersten Zeichen des kommenden
Tags. Wie viele für das Kommende aufgesprengt sind, zählt
nicht. Wer jene sind, das entscheidet über ihren Standort,
denn sie sind es, die die Maße des Seins vermessen, indem
sie die Winke des Kommenden deuten."