Montag, 31. August 2015

We refugees


















Dass es Sprachkritikern in der Regel nicht um die Sprache
geht, sondern um die Diskreditierung konkreter Sprecher,
haben uns kürzlich die üblichen Verdächtigen wieder ein-
mal in Erinnerung gerufen. Erst erklärte Matthias Heine,
der Hobbyphilologe der WELT, Warum Flüchtlinge jetzt
oft „Refugees“ heißen, am Tag darauf spitzte Jan Fleisch-
hauer im Titel seiner SPIEGEL-Kolumne den besorgniserre-
genden Befund zu: Es heißt jetzt Refugee. Seinem kämpfe-
rischeren Naturell entsprechend wechselt er vom Modus
onkelhaften Erklärens in den des Warners vor einem dro-
henden gutmenschentümlichen Sprachgebot.

Werfen wir einen Blick in das Elaborat Heines, der meint,
ein neues linkes Schibboleth ausgemacht zu haben: „Denn
Linke erkennt man daran, dass sie von Refugees statt von
Flüchtlingen reden, und je linker, desto mehr sind sie zum
Gebrauch dieses Ausdrucks verpflichtet.“ Zwar gebe es für
Schilder mit der Aufschrift refugees welcome sprachprag-
matische Gründe, da man des Deutschen nicht mächtigen
Personen mitteilen wolle, „dass ihnen an dem so markier-
ten Ort geholfen wird“, sein inflationärer Gebrauch müsse
jedoch andere Gründe haben. 

Doch warum scheuen Linke vor dem Wort Flüchtlinge zurück?
[…] Es dürfte wohl der gleiche Grund dahinter stecken, der
viele Menschen neuerdings von Porn statt von Porno sprechen
lässt: Der englische Begriff klingt irgendwie neutraler, asepti-
scher, befreit von allen Konnotationen, die an so einem Wort
hängen. Und vor den historisch bedingten Nebenbedeutungen
des Wortes Flüchtling scheuen Linke mit einigem Recht zurück.
Weder die Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebie-
ten nach 1945 noch auch diejenigen aus der DDR nach 1961 wur-
den von ihnen jemals mit soviel Mitleid gewürdigt wie die neu-
en Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Da kann es schon eine se-
mantische Strategie sein, so zu tun, als handele es sich jetzt
bei den Refugees um einen ganz neuen Typus. 

Einmal davon abgesehen, dass Heines Springer-Kollegen, die für
Blätter ohne Hausphilologen arbeiten, sich an refugee porn auf
der Titelseite aufgeilen, ist diese Erklärung auch noch aus ande-
ren Gründen pikant. Denn „die Flüchtlinge aus den ehemaligen
deutschen Ostgebieten nach 1945“ hießen in der alten BRD be-
kanntlich nicht Flüchtlinge, sondern Heimatvertriebene. Hier ist
nicht der Ort, die hinter dieser Benennung stehende „semanti-
sche Strategie“ zu erörtern. Vom offiziellen DDR-Begriff „Repu-
blikflüchtige“ ganz zu schweigen. Skandalös ist dieser Deutungs-
versuch jedoch aus einem anderen Grund: Er unterschlägt die
deutschen Flüchtlinge nach 1933, die gezwungen waren, ihre ge-
liebte Muttersprache aufzugeben und sich fortan in der Sprache
ihres Gastlandes mitzuteilen. 

Der in Parchim geborene Erich Weil hieß nunmehr Éric Weil und
wurde französischer Professor, Leo Strauss, Ernst Kantorowicz 
und Hannah Arendt verschlug es in die Vereinigten Staaten. Ihre
Publikationen verfassten sie von nun an auf Englisch. Ein Blick
auf die Rückseite von Hannah Arendts „passersetzendem Identi-
tätsnachweis (Affidavit of Identity in Lieu of Passport)“ aus dem
Jahr 1949 (Detail s.o.), lässt Heines pseudokluges Räsonnement
so verblödet erscheinen, wie es tatsächlich ist. Und es kommt
noch besser: 1943 veröffentlichte Hannah Arendt im Menorah
Journal, einer jüdischen Zeitschrift in englischer Sprache, einen
Artikel mit der Überschrift We refugees, der 1986 in einer Auf-
satzsammlung (Zur Zeit. Politische Essays) auch auf Deutsch er-
schien. Im Original beginnt er so:

In the first place, we don’t like to be called “refugees.” We
ourselves call each other “newcomers” or “immigrants.” Our
newspapers are papers for “Americans of German language”;
and, as far as I know, there is not and never was any club foun-
ded by Hitler-perscuted people whose name indicated that its
members were refugees.
A refugee used to be a person driven to seek refuge because
of some act committed or some political opinion held. Well,
it is true we have had to seek refuge; but we committed no
acts and most of us never dreamt of having any radical opinion.
With us the meaning of the term “refugee” has changed. Now
“refugees” are those of us who have been so unfortunate as to
arrive in a new country without means and have to be helped
by Refugee Committees.

Samstag, 29. August 2015

Manifest der Dritten Landschaft


















Es ist nahezu unmöglich, Gilles Clément, einen der größ-
ten Gartentheoretiker unserer Tage, nicht zu kennen. Im
Jahr 2010 erschien sein Manifest der Dritten Landschaft 
im Merve Verlag. „Was ist die Dritte Landschaft?“ Lesen
wir Seite zwölf: „Der Name bezieht sich auf Sieyès’ Pam-
phlet von 1789:
 
Was ist der Dritte Stand? – Alles.
Was ist er bisher gewesen? – Nichts.
Was hofft er zu sein? – Etwas.“

Jüngst ist bei Matthes und Seitz Gärten, Landschaft und
das Genie der Natur erschienen, Cléments Antrittsvorle-
sung am Collège de France.


 

Mittwoch, 8. Juli 2015

State of the Art


















Wie Cord gelegentlich seiner Besprechung von Goetz’ los-
labern einmal feststellte, „geht der proustianische Leni-
nist so wach durch die Schlucht der Buchmesse, dass ihm
das schönste Geschenk der Wirklichkeit, die Todesfahrt
des Jörg Haider, zu dem »Realkunstwerk des Jahres 2008«
wird.“ Die Passage zum Haider-Crash sei sprachlich Auge
in Auge mit Thomas Bernhard: „eine der schönsten des Bu-
ches und dabei ohne Häme“. Grund genug, die Stelle ein-
mal im Zusammenhang zu lesen.

Der Haider-Crash war das Realkunstwerk des Jahres 2008,
das Überkunstwerk überhaupt, ich hatte in den Nächten
vor der Buchmesse nichts anderes gemacht, als stunden-
lang im Internet die letzten und neuesten Details zur To-
desfahrt des Haider mir anzuschauen, alles zu lesen, was
dazu geschrieben und gemeldet wurde, und mir vorallem
bis ins allerletzte genau diese berühmten allerletzten Se-
kunden und Sekundenbruchteile im Leben des Haider, von
seinem Bewusstsein aus gesehen, ganz genau vorzustellen,
räumlich, gedanklich, gefühlsmäßig, verbal, die Obszönität
dieser Hineinversetzung in den Haider war mir dabei klar,
aber egal, die Vorstellung dieses tatsächlich ja Geschehnis
gewesenen Realitätsmoments war eine für mich vernünfti-
ge, richtige, sozusagen phantastische Empathie ins Nicht-
phantastische realer Welten. Besonders dieser eine Stein
am Straßenrand hatte es mir angetan, der dafür gesorgt
hatte, dass der Haider diesen einfachen Überschlag in sei-
nem an sich ja todsicheren Phaeton nicht überlebt hatte,
weil dieser Stein exakt an der Stelle am Straßenrand ge-
standen hatte, wo der haidersche Phaeton ausgerechnet
mit der Windschutzscheibe, also ohne jeden Schutz, auf-
geschlagen und eingeschlagen war, wäre der Stein da
nicht gewesen oder der Phaeton auch nur ein kleines biss-
chen weiter oder weniger weit herumgewirbelt gewesen
an dieser Einschlagsstelle, wäre der Haider kopfschüttelnd
aus seinem gar nicht so extrem zerstörten Wrack ausge-
stiegen, hätte seinen Lebensmenschen, den verrückten
Stefan »Lebensmensch« Petzner, angerufen, dass er ihn
schnell abholen soll, bevor die Polizei kommt usw, aber
diese Möglichkeit hatte das Zusammentreffen von Straßen-
randstein und Wirbelwinkel des Autos nicht zugelassen,
der Kopf des Haider hatte sich, bei Tempo 170 durch die
flache Kurve schwebend, eine elektronische Animation
war schon in der zweiten Nacht zugänglich, von einer
quasi hinter dem Auto herfliegenden Kamera aus gesehen
konnte man die letzten paar hundert Meter der Fahrt des
Phaeton vor dem Crash genau und immer wieder nachvoll-
ziehen, exakt auf diesen einen Stein hinbewegt, um an
diesem Stein so zerschmettert zu werden, dass das in die-
sem Kopf befindliche Hirn des Haider so kaputt gegangen
war, dass allein von daher ein Weiterleben des Haider-
schen Bewusstseins und seines sonstigen Körpers nicht
mehr möglich gewesen war. 

Mittwoch, 1. Juli 2015

Im Winterquartier der Theorie

















 
Die Theorie, die bekanntlich schon seit langem klein und
hässlich ist und sich nicht darf blicken lassen, sucht seit
fünfundzwanzig Jahren nach einem geeigneten Winter-
quartier. Weder Drittmittelanträge, noch Manifeste von
Aktivisten, Paratexte der sogenannten Kunstwelt und der
Stadttheater aller Sparten konnten ihr zum Habitat wer-
den. Womöglich ist sie nun doch noch fündig geworden:
Sie quartiert sich bei Gucci ein. 

Gewinnen soll immer das Mannequin, das man ›kapitalis-
tischen Realismus‹ nennt. Es kann es ohne weiteres mit
jedem aufnehmen, wenn es die Theorie in seinen Dienst
nimmt.



















Oder ist alles ganz anders? Ist Alessandro Micheles Theo-
riemode nur der Vorwand für die Möglichkeit eines ande-
ren Lebens. Einiges spricht dafür. Vor allem seine präten-
tiösen cartelle stampa, seine schwülstigen press notes.
Bestes Beispiel: die letzte Presseerklärung im Original:

“Il détournement è il contrario della citazione” (Guy De-
bord). È un gioco capace di rimettere in circolo frammen-
ti decontestualizzati, oggetti ritrovati per caso e strappa-
ti alla loro storia, preesistenze che smarriscono il loro
senso originario. È un agire che prende e ricolloca, che
distrugge e fa rinascere. È un posizionamento in cui co-
esistono negazione e preludio.



 














In questo senso, il détournement si configura come una
pratica estetica che riannoda frammenti dispersi all’in-
terno di un nuovo insieme significante. Attraverso una
ludica capacità di intercettare e riassemblare l’esisten-
te in un inedito quadro di senso, ogni frammento acqui-
sisce un nuovo impulso vitale. Il risultato è una partitu-
ra di indizi recuperati dove coesistono significati antichi
e qualità emergenti. Una polifonia eclettica in cui segni
e mondi vitali acquisiscono nuove accezioni e valori.
La collezione Uomo Primavera/Estate Gucci by Alessan-
dro Michele si muove proprio in questa direzione. Ogni
abito è costruito attraverso accostamenti e giustapposi-
zioni di memorie che vengono proiettate in un nuovo o-
rizzonte poetico. Poetico in quanto germinativo di ine-
diti significati. Forme, decori, dettagli e lavorazioni si
amalgamano all’interno di una trama rinnovata dove si
producono slittamenti di senso. Da questo punto di vis-
ta, il recupero di frammenti provenienti da un altrove
spazio-temporale non è il ritorno dell’identico, non è la
riproposizione del passato come fatto inerte. Piuttosto
è il ridiventar possibile di ciò che è stato. È la reinven-
zione di occasioni accantonate. La memoria infatti è uno
strumento potente, capace di restituire al passato la sua
possibilità (G. Agamben) e una nuova ragion d’essere.


















In questa cornice, la pratica giocosa del détournement 
situazionista produce uno spiazzamento dello sguardo.
Attraverso la riappropriazione di frammenti discorsivi
decontestualizzati, elabora un nuovo linguaggio, una
nuova idea di bellezza. Ma il principio compositivo che
la sostanzia non è solo di carattere estetico. Il détour-
nement è anche e soprattutto un dispositivo politico.
La sua forza consiste nella possibilità di superare l’esis-
tente e di far intravedere nuove possibilità di libertà di
emancipazione. Si tratta di un cammino che, nel ritrova-
re “quel giusto senso dell’anacronia” (J. Derrida), è ca-
pace di rimettere in connessione la scatola dei ricordi
con quella dei sogni e di riannodare, in nuove forme, i
serbatoi della memoria con i barlumi di immaginario
che ci conducono verso il futuro.

PS. IS = Internationale der Situationisten. 

Samstag, 20. Juni 2015

Der Pulcinell


















Als der Venezianer Giovanni Domenico Tiepolo seinem
Vater Giovanni Battista half, das Treppenhaus der Würz-
burger Residenz auszumalen, nutzte er die freie Zeit,
um einen genialen „Flucht nach Ägypten“-Zyklus zu ra-
dieren. Seine Liebe galt jedoch einer dem neapolitani-
schen Volkstheater entsprungenen Maske der commedia
dell’arte: Pulcinella.

Einen gewissen Trost spenden die Mauersegler in der rech-
ten oberen Ecke. 

Donnerstag, 4. Juni 2015

Transgender is dead


















Die Zeitungen sind voll davon. Absehbar und dann doch
überraschend ist Transgender verstorben. Vanity Fair liest
kommenden Dienstag die Exequien. Die Facies hyppocrati-
ca des Zugrabezutragenden abzulichten, blieb der „bedeu-
tendsten Fotografin unserer Zeit“ vorbehalten, der Leichen-
wagen, ein Porsche 911 GT 3 RS — Geschmackssache. Grund
genug, um an einen Wahrheitszeugen zu erinnern, der am
22. Mai seinen 50sten Geburtstag hätte feiern können, wäre
er nicht im Dezember 1988 in New York erwürgt worden.

Von Venus Xtravaganzas Leben und Sterben erzählt Jennie
Livingstons Paris Is Burning, ein Dokumentarfilm über die
New York City ball culture von 1990.
 
In Paris Is Burning, she notes the racial and socioeconomic 
barriers faced by many in the ball scene. She dreamed of
being “a spoiled, rich, white girl living in the suburbs” in
order to gain access to the lifestyle she envisioned for her-
self. In one of her interviews, she describes the transphobia
she experienced during her time as a sex worker, one time
having to flee for her life by escaping through a window,
after a client had become enraged upon discovering she
was not a cisgender woman. At the time the documentary
was filmed, she was an aspiring model. She was saving mo-
ney for sex reassignment surgery. (Wikipedia)  

Montag, 11. Mai 2015

Im Dol


















Wir sehen einen jungen Mann, Anfang 20, der — wäre er
nicht im Juni 1968 in Brüssel gestorben — heute seinen 113.
Geburtstag feiern könnte. Er lehnt sein vom Denken schwe-
res Haupt an den Rauhputz seiner Villa in Berlin Dahlem: Im
Dol 54. Sollte es tatsächlich so etwas geben wie eine erste
Adresse, dann diese. Wer wissen will, was den russischen
Emigranten Alexander Koschewnikoff bewegte, kann das in
seinem Tagebuch eines Philosophen nachlesen, das kürzlich
bei Matthes und Seitz erschienen ist. Dort heißt es nicht un-
bescheiden:

Bolschewismus in der Kunst = Kandinski
Bolschewismus in der Wissenschaft = Einstein
Bolschewismus in der Philosophie = Ich