Mittwoch, 10. April 2019

Rührende Gestrigkeit


















Noch in Sachen päpstliche Mobilität wusste Benedikt XVI.,
„das umständliche, verstaubte Hofzeremoniell von einst“
zu wahren: ein Papst ganz nach dem Geschmack Herrn
Mosebachs. Niemals wäre der pastore tedesco — wie sein
totalitärer Nachfolger, der Würde seines Amtes nicht ach-
tend, es tat — in einen Peugeot gestiegen.
        

Dienstag, 26. März 2019

Qu’est-ce que l’acte de création?

 
















Nach Jahren, die wir lesend, schreibend und studierend
verbracht haben, kann es geschehen, dass wir uns unse-
rer eigenen Vorgehensweise im Denken und Forschen be-
wusst werden. In meinem Fall besteht sie darin, im Werk
der Autoren, die ich mag, das zu finden, was Feuerbach
„Entwicklungsfähigkeit“ nannte. Das genuin philosophi-
sche Element eines Werkes — sei es ein Werk der Kunst,
der Wissenschaft oder des Denkens — ist seine Entfalt-
barkeit, etwas ungesagt Gebliebenes oder bewusst nicht
Gesagtes, das es zu entdecken und aufzunehmen gilt.

Was fasziniert mich an der Suche nach dem entwicklungs-
fähigen Element? Dass man bei konsequenter Befolgung
dieses methodischen Prinzips zwangsläufig an einen Punkt
gelangt, an welchem das, was uns und das, was dem Au-
tor, den wir lesen, zuzuschlagen ist, ununterscheidbar
werden. Bis in diese unpersönliche Indifferenzzone, in der
Eigennamen, Urheberrechte und Originalitätsansprüche
ihre Geltung verlieren, vorgedrungen zu sein, erfüllt mich
mit Freude.

Giorgio Agamben, „Was ist der Schöpfungsakt?“, in: ders.,
Die Erzählung und das Feuer, S. 37-57, hier: S. 38.

Montag, 11. Februar 2019

Halt gegen das Licht!

 
















In einer Prosaminiatur der Berliner Kindheit beschreibt
Benjamin jene Winterabende, an denen ihn seine Mutter
zum Kaufmann mitnahm. Dann habe sich vor ihm im Gas-
licht ein dunkles, unbekanntes Berlin ausgebreitet. Die
Fassaden waren nicht mehr deutlich zu erkennen, dafür
fiel Licht aus den Fenstern, das jedoch von den erleuch-
teten Zimmern wenig verriet. Denn „es hatte es nur mit
sich selbst zu tun. Es zog mich an und machte mich nach-
denklich. Das tut es in der Erinnerung heute noch.“

Wieder daheim kramte er eine seiner Ansichtskarten her-
vor. „Sie stellte einen Berliner Platz dar. Die Häuser, die
ihn umgaben, waren von zartem Blau, der nächtliche Him-
mel, an dem der Mond stand, von dunklerem. Der Mond
und die sämtlichen Fenster waren in der blauen Karton-
schicht ausgespart. Sie wollten gegen die Lampe gehalten
werden, dann brach ein gelber Schein aus den Wolken und
Fensterreihen. Ich kannte die abgebildete Gegend nicht.
Hallesches Tor stand darunter.“

Ob es sich um die seit 1898 vom Verlag W. Hagelberg ver-
triebene Halt-gegen-das-Licht-Karte „Hallesches Thor u.
Belle-Alliance Platz“ handelt, ist nicht sicher. Die Ver-
teilung von hellem und dunklem Blau, die Schreibung und
Position der Ortsangabe sprechen dagegen. Allerdings wä-
ren das nicht die einzigen Ungenauigkeiten, die sich in der
Berliner Kindheit finden.    

Dienstag, 22. Januar 2019

Quarant’anni fa


















Vor vielen Jahren waren in einem Land nicht fern von
Europa, dessen politische Lage hoffnungslos und dessen
Bevölkerung bedrückt und unglücklich war, wenige Mo-
nate vor der Revolution, die zum Sturz des Herrschers
führte, Kassetten in Umlauf, auf denen eine Stimme zu
hören war, die rief:

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers!
Wacht auf! Seit zehn Jahren spricht der Souverän von
Entwicklung, während es der Nation am Notwendigsten
mangelt. Er macht Versprechungen für die Zukunft, die
Leute aber wissen, dass die Versprechungen des Souve-
räns leere Worte sind. Die spirituelle Lage des Landes
ist ebenso verzweifelt wie die materielle.


















Ich richte mich an euch, Studenten, Arbeiter, Bauern,
Händler und Handwerker, mit der Aufforderung zu kämp-
fen, eine Oppositionsbewegung aufzubauen. Das Ende
des Regimes ist nah. Wacht auf! Im Namen Gottes, des
Barmherzigen, des Erbarmers! 

Die unterdrückten, unglücklichen Menschen haben diese
Stimme gehört, der korrupte Herrscher musste fliehen.

Giorgio Agamben, „In wessen Namen?“, in: ders., Die Er-
zählung und das Feuer, S. 65-72, hier: S. 65.
 

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Vivere ancora


















Tito Schipa wurde heute vor einhundertdreißig Jahren ge-
boren, unter dem Namen Raffaele Attilio Amedeo Schipa
standesamtlich registriert wurde er jedoch erst am 2. Ja-
nuar 1889, damit er den Militärdienst ein Jahr später an-
treten konnte.

Montag, 17. Dezember 2018

Beese und die Zeichen


















Wäre die Übersetzerin, die auf dem Schmutztitel des vor
vierzig Jahren erschienenen Ullstein Buchs Nr. 3520 ein
Zeichen gab, nicht heute vor zwanzig Jahren in Manosque
(Département Alpes-de-Haute-Provence) gestorben, hätte
sie zum 50. 68er-Jubiläum die ein oder andere Erinnerung
beitragen können: zum Beispiel die an ihre zweisemestri-
ge Relegation von der FU, mit der sie für ihre Beteiligung
an der Besetzung des Philosophischen Seminars am 11. De-
zember 1968 bestraft wurde. Sie setzte ihr Studium in Kon-
stanz fort und kehrte erst 1970 wieder ans Berliner Institut
für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft zu-
rück — die Rede ist von Henriette Beese. 

Beese ist mir seit fünfundzwanzig Jahren ein Begriff. 1993
war auf Initiative von Nils Röller und Thomas Ravens eine
Lesegruppe enstanden, die die Lektüre von Gilles Deleuze
und Félix Guattaris 700-Seiten-Buch Milles Plateaux in der
ein Jahr zuvor im Merve-Verlag erschienenen Übersetzung
von Gabriele Ricke und Ronald Voullié gemeinsam bewäl-
tigen wollte. Bei den wöchentlichen Treffen von Anfang
an dabei waren die Verleger Heidi Paris und Peter Gente,
die nach bewältigtem Lektürepensum gerne von ihren Neu-
erscheinungen berichteten. Bleibenden Eindruck hinterließ
bei mir der 1993 erschienene fotomechanische Nachdruck
des vergriffenen Proust-Buchs von Deleuze, das zuerst 1978
in der Reihe Ullstein Materialien erschienen war; übersetzt
hatte es Henriette Beese.

Beeindruckt haben mich damals jedoch weder Proust, noch
Deleuze, auch nicht der zehn Jahre zuvor vom Ullstein-Ver-
lag von seinen „Pflichten entbundene“, ins Sachbuchressort
abgeschobene verantwortliche Lektor der wissenschaftlichen
Taschenbuchreihe „Materialien“ Andreas Catsch. Beeindruckt
hat mich der Text auf U4, der beim Merve-Verlag traditionell
einen Satz oder mehrere aus dem Buch zitiert. 

   

Montag, 19. November 2018

Vittoria Guerrini

















  
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