Dienstag, 19. November 2013

11. September 2014


















„Berlin, nun freue Dich!“ Am kommenden 11. September
eröffnet die PASOLINI ROMA SCHAU im Martin Gropius Bau.
Wir zählen die Tage: 296,…

Montag, 4. November 2013

Veritable Männerfreundschaft


















Die Beziehung zum besten Freund ist etwas Besonderes im
Leben eines Mannes. Wenn es glückt, verbringt man dieses
Leben von klein auf miteinander, träumt vom Großwerden,
vom Abhauen und noch von mehr: vom Schafe Hüten (oder
Ziegen), von Frauenraub und Waffengang – oder davon, ein-
fach mal wieder zusammen auf Philisterjagd zu gehen. Der
Männerfreundschaft, einem der größten Abenteuer, das ein
Mann erleben kann, hat Cima da Conegliano mit seinem Ge-
mälde Gionata e Davide con la testa di Golia (National Gal-
lery, London) ein grandioses Denkmal gesetzt.

Die Freundschaft von David und Jonathan ist das unerreichte
Muster jeder Männerfreundschaft. Davids Klagelied (2. Samuel
1.17-27) legt davon Zeugnis ab:

Und David klagte diese Klage über Saul und Jonathan, seinen
Sohn, und befahl, man solle die Kinder Juda das Bogenlied leh-
ren. […] „Die Edelsten in Israel sind auf deiner Höhe erschlagen.
Wie sind die Helden gefallen! […] Der Bogen Jonathans hat nie
gefehlt, und das Schwert Sauls ist nie leer wiedergekommen von
dem Blut der Erschlagenen und vom Fett der Helden. Saul und
Jonathan, holdselig und lieblich in ihrem Leben, sind auch im To-
de nicht geschieden; schneller waren sie denn die Adler und stär-
ker denn die Löwen. […] Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jo-
nathan: ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine
Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist.“

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Zur Unzeit geboren


















Auf Georg Büchners Geburtstag liegt ein Fluch, der Fluch
des Aufmerksamkeitsdefizits. Während der Schlacht gebo-
ren zu sein, in der Napoleons Grande Armée den Truppen
der alliierten Mächte des Ancien Régime unterlag, verhieß
für einen Autor wie Büchner nichts Gutes. Die Flut der bie-
deren Gedenkreden des Jahrestagefeuilletonismus und der
Applaus für die Jubiläumsinszenierungen gehen im streber-
haft heraufbeschworenen Schlachtlärm unter. Die dumme
Koinzidenz vermasselte schon Büchners „Säkulartag“. Ed-
gar Steiger, ein sozialdemokratischer Theaterkritiker, Pro-
pagandist des Naturalismus und Verfasser satirischer Lyrik,
schrieb in einer Besprechung der Uraufführung des Wozzek,
der am 8. November 1913 im Residenztheater München zu-
sammen mit Dantons Tod aufgeführt wurde:

Man hat Georg Büchners hundertste Geburtstagsfeier ver-
schoben, weil man das düstere Revolutionsdrama des ein-
undzwanzigjährigen „Hochverräters“ nicht am Gedenktage
der Schlacht bei Leipzig aufführen wollte. Und da fügte es
ein näckischer Zufall, daß die Aufführung der Guillotinen-
tragödie gerade an dem Tage stattfand, an dem der neue
bayerische König den Verfassungseid ablegte, und daß im
Hoftheater die Marseillaise ertönte, während die Regiments-
musik draußen die Königshymne spielte.

Verflucht ist der 17. Oktober auch deshalb, weil heute vor
vierzig Jahren, an Büchners 160. Geburtstag, die Bachmann
in einem römischen Krankenhaus an den Folgen der schweren
Verbrennungen starb, die sie sich am 26. September in ihrer
Wohnung zugezogen hatte. 1973 war auch das Jahr, an dem
Peter Handke den (mittlerweile retournierten) Büchner-Preis
erhielt. In seiner Ingeborg Bachmann gewidmeten Dankrede
legt Handke ein Geständnis ab, das auch von Büchner stam-
men könnte:

Seit ich mich erinnern kann, ekle ich mich vor der Macht, und
dieser Ekel ist nichts Moralisches, er ist kreatürlich, eine Ei-
genschaft jeder einzelnen Körperzelle. […] Was mich unfähig
und unwillig zu einer politischen Existenz macht, ist nicht der
Ekel vor der Gewalt, sondern der Ekel vor der Macht; die Macht
erst, indem sie es sich erlauben kann, aus der Gewalt ein Ritual
zu machen, läßt diese als das Vernünftige erscheinen. Unüber-
windlich ist mein Widerwillen vor der vernünftelnden Gewalt
der Macht; als gestalt- und leblos empfinde ich bis heute fast
alle, die mächtig sind. Und aus dieser Empfindung erlöst keine
Dialektik.  

Samstag, 5. Oktober 2013

Au revoir, mon général


















Le Napoléon rouge Võ Nguyên Giáp (*25. 8. 1911) est dé-
cédé hier, 4 octobre, mémoire de saint François d'Assise 
à 102 ans. RIP




Freitag, 27. September 2013

Pontius Pilate revisited

















 
Morgen hält Giorgio Agamben in Turin einen Vortrag über
Pontius Pilatus. Unter dem Titel Il fascino discreto di Pon-
zio Pilato (Der diskrete Charme des Pontius Pilatus“) er-
schien letzten Mittwoch in La Stampa ein Auszug dessen,
was Agamben morgen sagen wird:

Warum Pilatus? Warum hat er, der von 26 bis 36 Prokurator
von Judäa war, so gebieterisch meine Aufmerksamkeit auf
sich gezogen, mich gleichsam genötigt, über ihn nachzuden-
ken und zu schreiben und mir keine Ruhe gelassen, ehe ich
nicht, die laufende Arbeit an einem Buch unterbrechend, in
drei stürmischen Monaten jenes Büchlein geschrieben hatte,
von dem ich Ihnen erzählen möchte. Es scheint, als habe er
sich mit derselben Macht Bulgakow aufgedrängt, ihn dazu ge-
nötigt, in sein Meisterwerk ohne ersichtlichen Grund das wun-
derbare Pontius-Pilatus-Kapitel einzuschalten, das nicht von
Bulgakow, sondern vom Satan selbst erzählt wird. Sicher, sein
Name, Pontius Pilatus […], ist neben denen von Jesus und Ma-
ria der einzige Name, der im Glaubensbekenntnis auftaucht,
mit dem die Christen seit zweitausend Jahren ihren Glauben
zusammenfassen: „für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus“.
Warum Pilatus? Um, wie zu Recht gesagt wurde, die Historizi-

tät der Leiden Jesu zu belegen, die sich an diesem bestimmten
Tag ereigneten, eben unter Pontius Pilatus. Doch warum wird
er, ein dubioser Verweser erwähnt und nicht, wie es römischen
Gepflogenheiten entspräche, Kaiser Tiberius? Weil er nicht nur
ein Name bleibt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist,
vielleicht sogar der einzige wirkliche Mensch in den Evangelien.
Die anderen sind entweder gewissermaßen heilige Personen wie
Johannes der Täufer und die Apostel oder treten nur für einen
Moment aus der namenlosen Menge, die Jesus umgibt, heraus,
um, wie der gute Samariter, als Beispiel oder, wie Lazarus, der
von den Toten aufersteht, als Prophezeiung zu dienen. Pilatus
aber ist in den Evangelien, insbesondere in dem des Johannes
zugleich weniger und viel mehr: ein Mensch in seinem Zaudern,
mit seinen Ängsten und Ressentiments, seinem Sarkasmus, sei-
nem Argwohn und seiner Scheinheiligkeit (wenn er sich die Hän-
de wäscht, um sich vom Blut eines Gerechten zu reinigen); ei-
ner zumal, dem wir denkwürdige Bonmots verdanken wie die
berüchtigte Erwiderung auf die Aussage Jesu, dass er für die
Wahrheit zeuge: „Was ist Wahrheit?“, oder wie der Spruch, mit
dem er die Juden, die ihn auffordern, die Inschrift des Kreuzes
zu ändern, zum Schweigen bringt: „Was ich geschrieben habe,
das habe ich geschrieben.“ Endlich ist er es, der kurz bevor er
Jesus der Hinrichtung überantwortet, die historischen Worte
spricht: „Ecce homo, Sehet, welch ein Mensch!“

Das Büchlein, das Agamben im vergangenen Sommer schrieb,
oder besser, schreiben musste, wird im Oktober 2014 in der
Reihe Fröhliche Wissenschaft bei Matthes & Seitz erscheinen.

    
    

Freitag, 6. September 2013

Der Holtrop-Effekt





Montag, 5. August 2013

Der Eingeschlossene


















Während die Kommunarden geschlachtet werden, sitzt der Eingeschlossene auf Fort Ta[u]reau, einem Felsen im Meer.
Er äußert sich nicht. Er betrachtet den Himmel, einen Ko-
meten-Friedhof. Dann setzt er sich, in seinen schwarzen
Kleidern, an den Tisch in seiner Zelle, nimmt die Feder und
schreibt:

Was ich in diesem Augenblick niederschreibe, in einer Zelle

auf Fort Ta[u]reau, das schrieb ich auf Milliarden von Erden
und werde es dort in alle Ewigkeit schreiben, und zwar auf
einem Tisch, mit einer Feder und in Kleidern, die mit den
meinigen vollkommen identisch sind.

Hans Magnus Enzensberger, „Louis Auguste Blanqui. 1805-1881“,

in: Mausoleum, Frankfurt am Main 1975.