Dienstag, 14. Januar 2014

Integrale Aktualität


















Vor paar Monaten stand in der Welt, Goetz würde wieder
bloggen. Der Suhrkamp Verlag habe einen Blog mit dem
tollen Namen „Logbuch“ eingerichtet, für den jetzt alle
noch lebenden Autoren in unregelmäßigen Abständen
Beiträge liefern würden. Von Goetz war damals nichts
zu finden. Kürzlich kam mir diese Meldung wieder in den
Sinn. Ich habe gleich nachgeschaut, ob sich Goetz mittler-
weile mal zu Wort gemeldet hat. Tatsächlich gibt es jetzt
einen Eintrag, eine Liste, immerhin: die YouTube-Playlist
der „Videos von und mit Rainald Goetz zu seinem Roman
Johann Holtrop, z. T. vom Autor selbst aufgenommen.“

2012 — ein Jahr des Drachens: das erste Video ist von An-
fang Mai: „mehr“, ein Auftritt mit Diederichsen in der HU,
dann eine Woche später die Antrittsvorlesung in der FU;
Anfang August die Leseexemplarpräsentation im Verlag, es
folgt die Lesung zur Longlist des deutschen Buchpreises; im
September Goetz’ Reaktion auf die Shortlist: „gefeuert“,
die Buchpremiere im Deutschen Theater Berlin und das Vi-
deo „theater, it’s over“. Das Jahr klingt aus mit der Buch-
messe: am Zeit-Stand mit Mangold, die Paschen-Lesung mit
Stephan Lohr. Fehlt da nicht was? Genau: „Folgende Videos
konnten leider nicht in die Playlist eingebunden werden:
Kulturzeit mit Andrea Maurer — in der ZDF-Mediathek auf-
rufbar […] und Das blaue Sofa mit Wolfgang Herles — leider
nicht mehr aufrufbar.

Das ist Schade. Denn es war lustig, dem mit Herles — einem
der vielen tollen Interviewer des ZDF — auf kleinstem Raum
zusammengesperrten Rainald zuzuschaun.

Wolfgang Herles: Ihr Roman, Herr Goetz, spielt in einer völlig
moralisch verrotteten Welt. Und hinten drauf auf dem Buch
(liest) Wütend schritt ich voran. Ist das nun ein (macht eine
Faust) WUTBUCH oder schon eine KARIKATUR dieser Gesell-
schaft?

Rainald Goetz: Ähm, ich habe, ähm, den vielen Kritiken ent-
nommen, dass das als Karikatur empfunden wird, ich selber
hab’s nicht so verstanden und gemeint, ich hab’ eine radikale
Vorstellung von der FIGURIZITÄT der dargestellten Figuren hier,
also der Nicht (Pause) Menschlichkeit…

WH (unterbricht): Aber das sind doch alles Volltrottel, Deppen,
wenn die (gestikuliert mit dem linken Arm) so blöd wären, wie
Sie schreiben, wär’n die doch nie so weit gekommen.

RG: Ähm, ich hab’ hier grade auf der Herfahrt (zeigt auf eine
vor dem Sofa ausgebreitete Zeitung) in der Wissenschaftsseite
der FAZ vom Mai 2011 Die dunkle Seite der Macht, einen riesen
Artikel wieder gelesen, es gibt viele Untersuchungen darüber,
jeder Mensch hat das schon erfahren, dass die Leute, je weiter
sie oben in der Hierarchie aufgestiegen sind, umso verblödeter
geworden sind. Und das spielt sich auf allen Ebenen der Hierar-
chie, der Macht, der Machtverhältnisse ab. Ich hab’ auch gar
nicht so sehr alle möglichen oder viele Figuren zu zeigen ver-
sucht, sondern mich konzentriert auf das Psychogramm dieses
einen Titelhelden Johann Holtrop.

WH: Aber gerade an der (fasst sich direkt neben der Nase an
die linke Wange) Psychologie fehlt es, weil die Leute sind doch
sehr holzschnitzartig (sic) superblöd (RG protestiert), so dass
man sich eigentlich gar nicht über die richtig ärgern kann, weil,
wer so blöd ist, der gehört eigentlich ins Irrenhaus, aber nicht
an die Spitze eines Konzerns.

RG (kopfschüttelnd): Ich empfinde das gar nicht so, ich kann
das, ich könnte viele Beispiele nennen… Mir gefällt: also natür-
lich der Holtrop in allererster Linie sehr, sehr gut. Ich bin abso-
lut fasziniert von dem, ich bin von der Art seiner Blindheit…

WH (wirft ein): Da spricht der Arzt.

RG: Nein, überhaupt gar nicht. Da, da spricht der Mitmensch,
der selbst (zappelt) verrückte, der voller asozialer Tendenzen
steckt, wie die, die so ein Macht-Mann real ausleben kann, die
hat… Jeder Künstler ist voll von solchen asozialen, ähm, Emp-
findungen… Und ich untersuche jetzt, wie dieser Mensch… oder
ich gehe mit dem Typen im Grunde im ersten Kapitel drei Tage,
im zweiten Kapitel sieben Monate und im dritten extrem schnel-
len Kapitel neun Jahre…

WH (unterbricht): Aufstieg und Sturz ist das Ganze…

RG: Noch nicht mal ein Aufstieg, es ist einfach ein einziger Ab-
stieg, und… Aber ich schaue, ich versetze mich in viele Situatio-
nen rein, in denen er (Pause) agiert und schaue, welche Inter-
aktionen, welche konkreten Geschehnisse in diesen Situationen
stattfinden. Und für mich sind die Leute überhaupt gar nicht Trot-
tel, ich könnte reihenweise Beispiele aufzählen, ich hab’ hier
(greift nach einer blauen Kopie im DIN A 3 Format) so ein Plakat
gemacht.

WH (unterbricht): Ja, aber ich könnte Ihnen auch Zitate bringen…

RG (lehnt sich zurück): Bitte!

WH: …aus Ihrem Buch: Es sind imbezile Restseelenruinen im Voll-
trottelmodus. Das ist doch deutlich genug.

RG: Genau, das ist sozusagen ein bestimmter, eine bestimmte
Entscheidung zu einem, wie ich das empfinde, schimpfenden Stil.
Ich wollte eben nicht ins Innere der Figuren mich hineinbegeben…
Immer wenn sozusagen die Versuchung da war, dass ein Innentext
sich meldet, bin ich (weicht zurück) zurückgetreten und habe in-
tellektuelle, analytische Schärfe und Beschimpfung eingesetzt,
einfach weil das meinem Naturell so entspricht… Und ich wollte
einen realistischen Roman, ich wollte den kommerziellen Realis-
mus, der ganz gerade glatt runtererzählt, wollte ich aufladen
mit maximaler Intellektualität, Schärfe, Gehässigkeit, mit allen
Impulsen, die für…

WH: Ok! Einverstanden, aber dann sind Sie kein Romanschrift-
steller, weil jeder Romanschriftsteller muss selbst wenn er einen
Kindermörder…

RG (unterbricht): Ich weiß gar nicht, wer behauptet das?

WH: …ein gewisses Mitleid, eine gewisse Sympathie für seine Figu-
ren haben.

RG: Nein, muss man überhaupt nicht. Das wird überall behauptet,
da bin ich ganz anderer Ansicht. Es ist der Roman… Wenn der Ro-
man misslungen ist, das kann sein, dass die Leute den misslungen
finden, ich find’ es überhaupt nicht misslungen, ich finde, dass der
Roman das machen kann, der Roman muss seine Figuren… Das ist
eine völlig absurde Vorstellung, dass der Autor seine Figuren irgend-
wie hochschätzen, lieben oder irgendwas andres muss. Nein, muss
er nicht! Er kann sie so zeigen, wie er sie sieht.

WH (erringt schließlich das Wort): Aber Sie müssen doch verstehen,
wie die Figuren denken, wie sie motiviert sind.

RG: Nein, nein, ganz und gar nicht. Ich verstehe, wie die Figuren
handeln, das ist ganz was anderes. Ich versteh’ eben nicht, wie sie
denken, ich verstehe es nicht und ich gebe dem Leser — es ist das
erste Buch, das ich geschrieben habe, das wirklich auf die Mitarbeit
des Lesers kalkuliert — ich gebe es dem Leser anheim, seine Schluss-
folgerungen daraus zu ziehen. Ich zeige Situationen, ich zeige wenig
Dialoge, ich zeige ganz wenig Gedanken, ich zeige viel eigene Intel-
lektualität und gebe das frei zur Reflektion des Lesers. Und im übri-
gen ist der Roman auch saulustig, also an ganz vielen Stellen.

WH: Also doch auch Karikatur.

RG: Karikatur? Es ist auch ganz ernste Kunst, wenn ich Gemälde von
Albert Oehlen nehme, abstrakte Bilder, da lach’ ich mich tot manch-
mal, weil die so verrückt sind, so radikal, so extrem, also lustig ist
nicht George Grosz und Karikatur, sondern lustig ist eine Kategorie
des Geistes, ein Extremismus, der, der, der…

WH: Aber ist es nicht schwer, über eine Welt zu lachen, die für uns
so wichtig geworden ist… Die Wirtschaft bestimmt zum großen Teil
unser Leben und es ist absolut nicht spaßig, von Volltrotteln regiert
zu werden, mitregiert zu werden.

RG: Also, ähm, es ist ja nicht so, dass nur darüber gelacht werden
soll, es ist sozusagen… es wird der Ernst dieser Geschichten gezeigt,
es wird ja auch gezeigt, wie die Leute sehr tragisch… die erste Ne-
benhauptfigur im ersten Teil, ein höherer Angestellter namens The-
we, der da entlassen wird, so im Hopplahopp-Modus, wie es absolut
die Regel ist — Ich hab’, ich kenne x, x, x Geschichten, wie das ge-
nau so — und der sich dann, der es so schwer nimmt, weil es in sein
Leben so unangenehm reinpasst, dass er sich das Leben nimmt. Also
es sind tragische Gestalten, sie sind tragisch, sie sind lächerlich, sie
sind idiotisch, sie sind alles mögliche, und sie sind nur eines nicht,
ähm, zartfühlend, ähm, nach innen hin voller Selbstzweifel, (sucht
nach einem Wort) liebenswert, das sind sie nicht.

WH: Sie schreiben keine Romane und schon gar keine Gedichte, zwei-
fellos…

RG: Im Gegenteil, mein letztes Buch ist ein Gedichtband: D.I.E. Ab-
stract reality…

WH: Nein, diese Figuren…

RG: Ach so, die Figuren…

Transkription bricht hier ab.

Sonntag, 29. Dezember 2013

Urgences


















L’accélérationnisme comme sport d’hiver:
Nach Jörg Haider (vgl. Goetz, loslabern, 21-23) machte
nun mit Michael Schumacher ein weiterer „simples,
hirntotes Vorpreschen“ Praktizierender Bekanntschaft
mit einem Stein. Christophe Gernigon-Lecomte, Gene-
raldirektor von Méribel Tourisme, berichtet, dass sich
der Unfall „um 11:07 Uhr abseits der Piste“ zugetragen
habe. „Er trug einen Helm und ist mit einem Felsen zu-
sammengestoßen.“ Die Einsatzkräfte seien schnell, nach
acht Minuten, vor Ort gewesen.

Dienstag, 3. Dezember 2013

Beim Bau der Chinesischen Mauer


















Pawel, Piotr & Daniel (November 2013)


Nun würde man von vornherein glauben, es wäre in jedem 
Sinne vorteilhafter gewesen, zusammenhängend zu bauen
[…]. Die Mauer war doch, wie allgemein verbreitet wird
und bekannt ist, zum Schutze gegen die Nordvölker ge-
dacht. Wie kann aber eine Mauer schützen, die nicht zu-
sammenhängend gebaut ist. Ja, eine solche Mauer kann
nicht nur nicht schützen, der Bau selbst ist in fortwähren-
der Gefahr. Diese in öder Gegend verlassen stehenden
Mauerteile können immer wieder leicht von den Nomaden
zerstört werden, zumal diese damals, geängstigt durch den
Mauerbau, mit unbegreiflicher Schnelligkeit wie Heuschre-
cken ihre Wohnsitze wechselten und deshalb vielleicht ei-
nen besseren Überblick über die Baufortschritte hatten als
selbst wir, die Erbauer. Trotzdem konnte der Bau wohl nicht
anders ausgeführt werden, als es geschehen ist. Um das zu
verstehen, muß man folgendes bedenken: Die Mauer sollte
zum Schutz für die Jahrhunderte werden; sorgfältigster Bau,
Benützung der Bauweisheit aller bekannten Zeiten und Völ-
ker, dauerndes Gefühl der persönlichen Verantwortung der
Bauenden waren deshalb unumgängliche Voraussetzung für
die Arbeit. Zu den niederen Arbeiten konnten zwar unwissen-
de Taglöhner aus dem Volke, Männer, Frauen, Kinder, wer
sich für gutes Geld anbot, verwendet werden; aber schon zur
Leitung von vier Taglöhnern war ein verständiger, im Baufach
gebildeter Mann nötig; ein Mann, der imstande war, bis in die
Tiefe des Herzens mitzufühlen, worum es hier ging. Und je
höher die Leistung, desto größer die Anforderungen. Und sol-
che Männer standen tatsächlich zur Verfügung, wenn auch
nicht in jener Menge, wie sie dieser Bau hätte verbrauchen
können, so doch in großer Zahl.  

Deutsche Ingenieurskunst


















Nicht nur Mark Andrew Spitz (* 10. Februar 1950), auch die vielbeschriene „Deutsche Ingenieurskunst“ setzt rückhaltlos
auf Akzelerationismus. Bestes Beispiel: der Porsche Carrera
GT (s. o.). In den Worten des Unfallanalytikers Michael We-
ber auf SPIEGEL ONLINE: „Der Wagen ist sehr speziell kon-
struiert. Ich kenne die Konstruktion zwar nicht bis ins letzte
Detail, aber wo bei anderen Autos Motor und Getriebe sitzen,
befindet sich bei dem GT ein kleiner Kofferraum. Der Tank
ist direkt hinter den Sitzen eingebaut. Wenn der Wagen mit
Karacho ein schmales Hindernis wie den Laternenpfahl seit-
lich trifft, kann dieser durchschlagen und den Tank aufbre-
chen. Ein kleiner Funken von einem Kabel reicht, um den
Wagen in Brand zu setzen. Auch die Fahrgastzelle aus Kar-
bon, die ja nichts anderes ist als in Form gebrachtes Rohöl, 
brennt wie Zunder. Ich könnte mir vorstellen, dass ein paar
Anwälte sich auf den Fall stürzen werden. Gerade das The-
ma Produkthaftung verfolgen die Juristen in den USA ja sehr
akribisch.“

Freitag, 29. November 2013

Esortazione apostolica


















A cinquant’anni dal Concilio Vaticano II, anche se proviamo
dolore per le miserie della nostra epoca e siamo lontani
da ingenui ottimismi, il maggiore realismo non deve signi-
ficare minore fiducia nello Spirito né minore generosità.
In questo senso, possiamo tornare ad ascoltare le parole
del beato Giovanni XXIII in quella memorabile giornata
dell’11 ottobre 1962: « Non senza offesa per le Nostre
orecchie, ci vengono riferite le voci di alcuni che, sebbe-
ne accesi di zelo per la religione, valutano però i fatti
senza sufficiente obiettività né prudente giudizio. Nelle
attuali condizioni della società umana essi non sono capa-
ci di vedere altro che rovine e guai [...] A Noi sembra di
dover risolutamente dissentire da codesti profeti di sven-
tura, che annunziano sempre il peggio, quasi incombesse
la fine del mondo. Nello stato presente degli eventi umani,
nel quale l’umanità sembra entrare in un nuovo ordine di
cose, sono piuttosto da vedere i misteriosi piani della Divi-
na Provvidenza, che si realizzano in tempi successivi attra-
verso l’opera degli uomini, e spesso al di là delle loro as-
pettative » (Discorso di apertura del Concilio Ecumenico
Vaticano II, 11 ottobre 1962).

Fünfzig Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil darf der
größte Realismus nicht weniger Vertrauen auf den Geist,
noch weniger Großherzigkeit bedeuten, auch wenn die
Schwächen unserer Zeit uns schmerzen und wir weit ent-
fernt sind von naiven Optimismen. In diesem Sinn können
wir die Worte des seligen Johannes XXIII. an jenem denk-
würdigen Tag des 11. Oktober 1962 noch einmal hören: Es
»dringen bisweilen betrübliche Stimmen an Unser Ohr, die
zwar von großem Eifer zeugen, aber weder genügend Sinn
für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil
walten lassen. Sie sehen in den modernen Zeiten nur Un-
recht und Niedergang. [...] Doch Wir können diesen Unglücks-
propheten nicht zustimmen, wenn sie nur unheilvolle Ereig-
nisse vorhersagen, so, als ob das Ende der Welt bevorstünde.
In der gegenwärtigen Weltordnung führt uns die göttliche Vor-
sehung vielmehr zu einer neuen Ordnung der Beziehungen un-
ter den Menschen. Sie vollendet so durch das Werk der Men-
schen selbst und weit über ihre Erwartungen hinaus in immer
größerem Maß ihre Pläne, die höher sind als menschliche Ge-
danken und sich nicht berechnen lassen.«

Akzelerationismus

















Der Begriff SPEEDO wurde erstmals 1928 verwendet,
als das Unternehmen Schwimmbekleidung im Renn-
fahrer-Design auf den Markt brachte. Das Produkt
wurde unter dem Slogan Speed on in your Speedos 
vermarktet. Während des Zweiten Weltkrieges wur-
de die gesamte Produktion auf die Herstellung von
kriegswichtigen Produkten wie Moskitonetzen um-
gestellt. Nach dem Krieg nahm man die Badehosen-
produktion wieder auf.

Bei den Olympischen Sommerspielen im Jahr 1956
gelang SPEEDO der Durchbruch: Die knappe Nylon-
badebekleidung für Männer trat ihren Siegeszug an.
Die weltweite Expansion verdankte das Unternehmen
nicht zuletzt den Erfolgen bei den Olympischen Spie-
len 1968, 1972 und 1976: 70 % der Medaillengewinner
der Schwimmer trugen SPEEDO-Badebekleidung.

Dienstag, 19. November 2013

11. September 2014


















„Berlin, nun freue Dich!“ Am kommenden 11. September
eröffnet die PASOLINI ROMA SCHAU im Martin Gropius Bau.
Wir zählen die Tage: 296,…