Freitag, 16. Oktober 2015
已然 / 未然
In Schanghai ist es jetzt vier Uhr nachmittags. Die victims
und addicts der Mode müssen noch bisschen Zeit totschla-
gen bis zum Cocktail, mit dem No Longer/Not yet im Min-
sheng Art Museum eröffnet wird. Chefdesigner Alessandro
Michele und Katie Grand, Editorin des Magazins LOVE, ha-
ben die Ausstellung für GUCCI kuratiert. Es geht um die
Frage, wie das Unzeitgemäße mit dem Zeitgenössischen
zusammenhängt. Darüber nachgedacht haben die chinesi-
sche Multimediakünstlerin Cao Fei, die Installationskünst-
lerin Rachel Feinstein, die Neokonzeptualistin Jenny Hol-
zer, die britischen Fotographen Glen Luchford und Nigel
Shafran, der britische Musiker und Musikproduzent Steve
Mackey, die chinesische Op-Art-Künstlerin Li Shurui und
die britische Künstlerin und Illustratorin Helen Downie
alias Unskilled Worker.
Dienstag, 6. Oktober 2015
Ist das Kommende kommod?
Vor ziemlich genau neun Jahren, vier Jahre nach Heidi
Paris’ Tod, schrieb Rainald Goetz seine „eigene, allge-
meine Programmschrift gegen die Verzweiflung“. Ein
halbes Jahr später gab es das Weblog KLAGE auf der
Homepage des deutschen Ablegers von Vanity Fair. Es
war ein tolles Jahr, 2007: Handkes KALI, Goetz’ KLAGE,
Tocotronics KAPITULATION…
Goetz schrieb täglich, der Sonntag war in der Regel Ru-
hetag. Titel, Text und Bild standen für sich. Anfangs
hatten auch die Bilder Titel: Meer mit wild besonnten
Wolken (3. April, siehe oben). Der Titel des Textes: Die
Verstümmelten. Mit Herrmann Ungars gleichnamigen
Roman („Frau Porges meinte, es sei ein Geschäft, das
einem Mann nicht anstehe. Polzer aber wusste, wie an-
genehm und erfrischend es sei, des Morgens verläßlich
geputzte Schuhe an den Füßen zu haben, und zugleich,
daß diese Tätigkeit keineswegs etwas Unmännliches an
sich haben könne, da doch überall, wo Diener im Hause
seien, wie in Hotels und bei reichen Leuten, dieses Ge-
schäft von Männern besorgt würde.“) hatte Goetz’ Text
nichts zu tun. Er war ein antienkomiastisches Manifest:
Missbehagen wegen Lob, Textwidrigkeit von Lob, Sozi-
alterrorismus mit Lob, Aggressivität und Destruktivi-
tät von Lob. […] Das stricherhaft Abgefuckte des Lo-
bens, Lobnutten, Lobtrottel, Trottelkartelle gegensei-
tigen Lobens […] Am extremsten hat den Weg dieser
Art von Kaputtheit und Verblödung die dahingegange-
ne Springer-Zeitschrift DER FREUND begangen. Ob man
als Autor von Elke Heidenreich mit Lob niedergestampft
wird oder vom Schleimemphatiker Volker Weidermann,
ist nur ein gradueller Unterschied an Scheußlichkeit.
Bemerkenswert ist nicht der „schimpfende Stil“, dessen
meisterliche Beherrschung bei Goetz nicht überrascht,
sondern die diagnostische Intuition, die Weidermann in
derselben Anstalt enden sieht wie Heidenreich: der öf-
fentlich-rechtlichen. Einmal erworben scheint man sich
auf den anatomisch-klinischen Blick verlassen zu können.
Schöner Nebeneffekt: „Schleimemphatiker“ Weidermann
bewies 2012, dass er nachtragend ist und durchaus auch
anders kann: Am 1. September — eine Woche vor Ablauf
der Sperrfrist — konnte Goetz in der FAS in Weidermanns
Johann Holtrop-Verriss lesen, dass „er so etwas wie der
grantelnde, tourettehaft vor sich hinschimpfende Dorf-
schreiber von Berlin-Mitte geworden“ sei.
Dienstag, 22. September 2015
L’inconscio dell’urbano
Giocosità ed eleganza esplorano e contaminano lo spazio
urbano. La dérive adotta una strategia non convenzionale,
con movimenti indeterminati e casuali. Vie e percorsi che
rispondono alle stimolazioni della città. Cammini che si
muovono verso l’ignoto e che contemplano il perdersi co-
me occasione d’apprendimento. Un perdersi non fine a se
stesso ma matrice di ricerca esplorativa della realtà con-
temporanea, in cui raccolta e interpretazioni di segnali e
suggestioni danno vita a una collezione dai toni suggestivi
e simbolici.
Gli abiti, mappe psico-geografiche capaci si registrare l’in-
conscio dell’urbano. Il tutto si riferisce alla Carta de Tendre, pubblicata nel 1654 da Madeline de Scudéry: una carta della tenerezza, topografia mobile di desideri.
Dienstag, 15. September 2015
To Damascus
From the long forgotten garden
On a ship, tied to the mast
I'm sailing over to Damascus
Driven forward by the past
And in the long forgotten chaos
Sits the one I'm looking for
Sailing over to Damascus
Landing on this Desertshore
Arriving in the Golden City
I start to sing my Chant d'Amour
Without loyalty or pity
For the one I'm looking for
From the long Forsaken Garden
On a ship, tied to the mast
I'm sailing over to Damascus
Driven forward by the past
Arriving in the Golden City
I start to sing my Chant d'Amour
Neither loyalty nor pity
For the one I'm looking for
Phantom/Ghost
Montag, 31. August 2015
We refugees
Dass es Sprachkritikern in der Regel nicht um die Sprache
geht, sondern um die Diskreditierung konkreter Sprecher,
haben uns kürzlich die üblichen Verdächtigen wieder ein-
mal in Erinnerung gerufen. Erst erklärte Matthias Heine,
der Hobbyphilologe der WELT, Warum Flüchtlinge jetzt
oft „Refugees“ heißen, am Tag darauf spitzte Jan Fleisch-
hauer im Titel seiner SPIEGEL-Kolumne den besorgniserre-
genden Befund zu: Es heißt jetzt Refugee. Seinem kämpfe-
rischeren Naturell entsprechend wechselt er vom Modus
onkelhaften Erklärens in den des Warners vor einem dro-
henden gutmenschentümlichen Sprachgebot.
Werfen wir einen Blick in das Elaborat Heines, der meint,
ein neues linkes Schibboleth ausgemacht zu haben: „Denn
Linke erkennt man daran, dass sie von Refugees statt von
Flüchtlingen reden, und je linker, desto mehr sind sie zum
Gebrauch dieses Ausdrucks verpflichtet.“ Zwar gebe es für
Schilder mit der Aufschrift refugees welcome sprachprag-
matische Gründe, da man des Deutschen nicht mächtigen
Personen mitteilen wolle, „dass ihnen an dem so markier-
ten Ort geholfen wird“, sein inflationärer Gebrauch müsse
jedoch andere Gründe haben.
Doch warum scheuen Linke vor dem Wort Flüchtlinge zurück?
[…] Es dürfte wohl der gleiche Grund dahinter stecken, der
viele Menschen neuerdings von Porn statt von Porno sprechen
lässt: Der englische Begriff klingt irgendwie neutraler, asepti-
scher, befreit von allen Konnotationen, die an so einem Wort
hängen. Und vor den historisch bedingten Nebenbedeutungen
des Wortes Flüchtling scheuen Linke mit einigem Recht zurück.
Weder die Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebie-
ten nach 1945 noch auch diejenigen aus der DDR nach 1961 wur-
den von ihnen jemals mit soviel Mitleid gewürdigt wie die neu-
en Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Da kann es schon eine se-
mantische Strategie sein, so zu tun, als handele es sich jetzt
bei den Refugees um einen ganz neuen Typus.
Einmal davon abgesehen, dass Heines Springer-Kollegen, die für
Blätter ohne Hausphilologen arbeiten, sich an refugee porn auf
der Titelseite aufgeilen, ist diese Erklärung auch noch aus ande-
ren Gründen pikant. Denn „die Flüchtlinge aus den ehemaligen
deutschen Ostgebieten nach 1945“ hießen in der alten BRD be-
kanntlich nicht Flüchtlinge, sondern Heimatvertriebene. Hier ist
nicht der Ort, die hinter dieser Benennung stehende „semanti-
sche Strategie“ zu erörtern. Vom offiziellen DDR-Begriff „Repu-
blikflüchtige“ ganz zu schweigen. Skandalös ist dieser Deutungs-
versuch jedoch aus einem anderen Grund: Er unterschlägt die
deutschen Flüchtlinge nach 1933, die gezwungen waren, ihre ge-
liebte Muttersprache aufzugeben und sich fortan in der Sprache
ihres Gastlandes mitzuteilen.
Der in Parchim geborene Erich Weil hieß nunmehr Éric Weil und
wurde französischer Professor, Leo Strauss, Ernst Kantorowicz geht, sondern um die Diskreditierung konkreter Sprecher,
haben uns kürzlich die üblichen Verdächtigen wieder ein-
mal in Erinnerung gerufen. Erst erklärte Matthias Heine,
der Hobbyphilologe der WELT, Warum Flüchtlinge jetzt
oft „Refugees“ heißen, am Tag darauf spitzte Jan Fleisch-
hauer im Titel seiner SPIEGEL-Kolumne den besorgniserre-
genden Befund zu: Es heißt jetzt Refugee. Seinem kämpfe-
rischeren Naturell entsprechend wechselt er vom Modus
onkelhaften Erklärens in den des Warners vor einem dro-
henden gutmenschentümlichen Sprachgebot.
Werfen wir einen Blick in das Elaborat Heines, der meint,
ein neues linkes Schibboleth ausgemacht zu haben: „Denn
Linke erkennt man daran, dass sie von Refugees statt von
Flüchtlingen reden, und je linker, desto mehr sind sie zum
Gebrauch dieses Ausdrucks verpflichtet.“ Zwar gebe es für
Schilder mit der Aufschrift refugees welcome sprachprag-
matische Gründe, da man des Deutschen nicht mächtigen
Personen mitteilen wolle, „dass ihnen an dem so markier-
ten Ort geholfen wird“, sein inflationärer Gebrauch müsse
jedoch andere Gründe haben.
Doch warum scheuen Linke vor dem Wort Flüchtlinge zurück?
[…] Es dürfte wohl der gleiche Grund dahinter stecken, der
viele Menschen neuerdings von Porn statt von Porno sprechen
lässt: Der englische Begriff klingt irgendwie neutraler, asepti-
scher, befreit von allen Konnotationen, die an so einem Wort
hängen. Und vor den historisch bedingten Nebenbedeutungen
des Wortes Flüchtling scheuen Linke mit einigem Recht zurück.
Weder die Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebie-
ten nach 1945 noch auch diejenigen aus der DDR nach 1961 wur-
den von ihnen jemals mit soviel Mitleid gewürdigt wie die neu-
en Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Da kann es schon eine se-
mantische Strategie sein, so zu tun, als handele es sich jetzt
bei den Refugees um einen ganz neuen Typus.
Einmal davon abgesehen, dass Heines Springer-Kollegen, die für
Blätter ohne Hausphilologen arbeiten, sich an refugee porn auf
der Titelseite aufgeilen, ist diese Erklärung auch noch aus ande-
ren Gründen pikant. Denn „die Flüchtlinge aus den ehemaligen
deutschen Ostgebieten nach 1945“ hießen in der alten BRD be-
kanntlich nicht Flüchtlinge, sondern Heimatvertriebene. Hier ist
nicht der Ort, die hinter dieser Benennung stehende „semanti-
sche Strategie“ zu erörtern. Vom offiziellen DDR-Begriff „Repu-
blikflüchtige“ ganz zu schweigen. Skandalös ist dieser Deutungs-
versuch jedoch aus einem anderen Grund: Er unterschlägt die
deutschen Flüchtlinge nach 1933, die gezwungen waren, ihre ge-
liebte Muttersprache aufzugeben und sich fortan in der Sprache
ihres Gastlandes mitzuteilen.
Der in Parchim geborene Erich Weil hieß nunmehr Éric Weil und
und Hannah Arendt verschlug es in die Vereinigten Staaten. Ihre
Publikationen verfassten sie von nun an auf Englisch. Ein Blick
auf die Rückseite von Hannah Arendts „passersetzendem Identi-
tätsnachweis (Affidavit of Identity in Lieu of Passport)“ aus dem
Jahr 1949 (Detail s.o.), lässt Heines pseudokluges Räsonnement
so verblödet erscheinen, wie es tatsächlich ist. Und es kommt
noch besser: 1943 veröffentlichte Hannah Arendt im Menorah
Journal, einer jüdischen Zeitschrift in englischer Sprache, einen
Artikel mit der Überschrift We refugees, der 1986 in einer Auf-
satzsammlung (Zur Zeit. Politische Essays) auch auf Deutsch er-
schien. Im Original beginnt er so:
In the first place, we don’t like to be called “refugees.” We
ourselves call each other “newcomers” or “immigrants.” Our
newspapers are papers for “Americans of German language”;
and, as far as I know, there is not and never was any club foun-
ded by Hitler-perscuted people whose name indicated that its
members were refugees.
A refugee used to be a person driven to seek refuge because
of some act committed or some political opinion held. Well,
it is true we have had to seek refuge; but we committed no
acts and most of us never dreamt of having any radical opinion.
With us the meaning of the term “refugee” has changed. Now
“refugees” are those of us who have been so unfortunate as to
arrive in a new country without means and have to be helped
by Refugee Committees.
Samstag, 29. August 2015
Manifest der Dritten Landschaft
Es ist nahezu unmöglich, Gilles Clément, einen der größ-
ten Gartentheoretiker unserer Tage, nicht zu kennen. Im
Jahr 2010 erschien sein Manifest der Dritten Landschaft
im Merve Verlag. „Was ist die Dritte Landschaft?“ Lesen
wir Seite zwölf: „Der Name bezieht sich auf Sieyès’ Pam-
phlet von 1789:
Was ist der Dritte Stand? – Alles.
Was ist er bisher gewesen? – Nichts.
Was hofft er zu sein? – Etwas.“
Jüngst ist bei Matthes und Seitz Gärten, Landschaft und
das Genie der Natur erschienen, Cléments Antrittsvorle-
sung am Collège de France.
Mittwoch, 8. Juli 2015
State of the Art
Wie Cord gelegentlich seiner Besprechung von Goetz’ los-
labern einmal feststellte, „geht der proustianische Leni-
nist so wach durch die Schlucht der Buchmesse, dass ihm
das schönste Geschenk der Wirklichkeit, die Todesfahrt
des Jörg Haider, zu dem »Realkunstwerk des Jahres 2008«
wird.“ Die Passage zum Haider-Crash sei sprachlich Auge
in Auge mit Thomas Bernhard: „eine der schönsten des Bu-
ches und dabei ohne Häme“. Grund genug, die Stelle ein-
mal im Zusammenhang zu lesen.
Der Haider-Crash war das Realkunstwerk des Jahres 2008,
das Überkunstwerk überhaupt, ich hatte in den Nächten
vor der Buchmesse nichts anderes gemacht, als stunden-
lang im Internet die letzten und neuesten Details zur To-
desfahrt des Haider mir anzuschauen, alles zu lesen, was
dazu geschrieben und gemeldet wurde, und mir vorallem
bis ins allerletzte genau diese berühmten allerletzten Se-
kunden und Sekundenbruchteile im Leben des Haider, von
seinem Bewusstsein aus gesehen, ganz genau vorzustellen,
räumlich, gedanklich, gefühlsmäßig, verbal, die Obszönität
dieser Hineinversetzung in den Haider war mir dabei klar,
aber egal, die Vorstellung dieses tatsächlich ja Geschehnis
gewesenen Realitätsmoments war eine für mich vernünfti-
ge, richtige, sozusagen phantastische Empathie ins Nicht-
phantastische realer Welten. Besonders dieser eine Stein
am Straßenrand hatte es mir angetan, der dafür gesorgt
hatte, dass der Haider diesen einfachen Überschlag in sei-
nem an sich ja todsicheren Phaeton nicht überlebt hatte,
weil dieser Stein exakt an der Stelle am Straßenrand ge-
standen hatte, wo der haidersche Phaeton ausgerechnet
mit der Windschutzscheibe, also ohne jeden Schutz, auf-
geschlagen und eingeschlagen war, wäre der Stein da
nicht gewesen oder der Phaeton auch nur ein kleines biss-
chen weiter oder weniger weit herumgewirbelt gewesen
an dieser Einschlagsstelle, wäre der Haider kopfschüttelnd
aus seinem gar nicht so extrem zerstörten Wrack ausge-
stiegen, hätte seinen Lebensmenschen, den verrückten
Stefan »Lebensmensch« Petzner, angerufen, dass er ihn
schnell abholen soll, bevor die Polizei kommt usw, aber
diese Möglichkeit hatte das Zusammentreffen von Straßen-
randstein und Wirbelwinkel des Autos nicht zugelassen,
der Kopf des Haider hatte sich, bei Tempo 170 durch die
flache Kurve schwebend, eine elektronische Animation
war schon in der zweiten Nacht zugänglich, von einer
quasi hinter dem Auto herfliegenden Kamera aus gesehen
konnte man die letzten paar hundert Meter der Fahrt des
Phaeton vor dem Crash genau und immer wieder nachvoll-
ziehen, exakt auf diesen einen Stein hinbewegt, um an
diesem Stein so zerschmettert zu werden, dass das in die-
sem Kopf befindliche Hirn des Haider so kaputt gegangen
war, dass allein von daher ein Weiterleben des Haider-
schen Bewusstseins und seines sonstigen Körpers nicht
mehr möglich gewesen war.
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