Samstag, 5. Oktober 2013

Au revoir, mon général


















Le Napoléon rouge Võ Nguyên Giáp (*25. 8. 1911) est dé-
cédé hier, 4 octobre, mémoire de saint François d'Assise 
à 102 ans. RIP




Freitag, 27. September 2013

Pontius Pilate revisited

















 
Morgen hält Giorgio Agamben in Turin einen Vortrag über
Pontius Pilatus. Unter dem Titel Il fascino discreto di Pon-
zio Pilato (Der diskrete Charme des Pontius Pilatus“) er-
schien letzten Mittwoch in La Stampa ein Auszug dessen,
was Agamben morgen sagen wird:

Warum Pilatus? Warum hat er, der von 26 bis 36 Prokurator
von Judäa war, so gebieterisch meine Aufmerksamkeit auf
sich gezogen, mich gleichsam genötigt, über ihn nachzuden-
ken und zu schreiben und mir keine Ruhe gelassen, ehe ich
nicht, die laufende Arbeit an einem Buch unterbrechend, in
drei stürmischen Monaten jenes Büchlein geschrieben hatte,
von dem ich Ihnen erzählen möchte. Es scheint, als habe er
sich mit derselben Macht Bulgakow aufgedrängt, ihn dazu ge-
nötigt, in sein Meisterwerk ohne ersichtlichen Grund das wun-
derbare Pontius-Pilatus-Kapitel einzuschalten, das nicht von
Bulgakow, sondern vom Satan selbst erzählt wird. Sicher, sein
Name, Pontius Pilatus […], ist neben denen von Jesus und Ma-
ria der einzige Name, der im Glaubensbekenntnis auftaucht,
mit dem die Christen seit zweitausend Jahren ihren Glauben
zusammenfassen: „für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus“.
Warum Pilatus? Um, wie zu Recht gesagt wurde, die Historizi-

tät der Leiden Jesu zu belegen, die sich an diesem bestimmten
Tag ereigneten, eben unter Pontius Pilatus. Doch warum wird
er, ein dubioser Verweser erwähnt und nicht, wie es römischen
Gepflogenheiten entspräche, Kaiser Tiberius? Weil er nicht nur
ein Name bleibt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist,
vielleicht sogar der einzige wirkliche Mensch in den Evangelien.
Die anderen sind entweder gewissermaßen heilige Personen wie
Johannes der Täufer und die Apostel oder treten nur für einen
Moment aus der namenlosen Menge, die Jesus umgibt, heraus,
um, wie der gute Samariter, als Beispiel oder, wie Lazarus, der
von den Toten aufersteht, als Prophezeiung zu dienen. Pilatus
aber ist in den Evangelien, insbesondere in dem des Johannes
zugleich weniger und viel mehr: ein Mensch in seinem Zaudern,
mit seinen Ängsten und Ressentiments, seinem Sarkasmus, sei-
nem Argwohn und seiner Scheinheiligkeit (wenn er sich die Hän-
de wäscht, um sich vom Blut eines Gerechten zu reinigen); ei-
ner zumal, dem wir denkwürdige Bonmots verdanken wie die
berüchtigte Erwiderung auf die Aussage Jesu, dass er für die
Wahrheit zeuge: „Was ist Wahrheit?“, oder wie der Spruch, mit
dem er die Juden, die ihn auffordern, die Inschrift des Kreuzes
zu ändern, zum Schweigen bringt: „Was ich geschrieben habe,
das habe ich geschrieben.“ Endlich ist er es, der kurz bevor er
Jesus der Hinrichtung überantwortet, die historischen Worte
spricht: „Ecce homo, Sehet, welch ein Mensch!“

Das Büchlein, das Agamben im vergangenen Sommer schrieb,
oder besser, schreiben musste, wird im Oktober 2014 in der
Reihe Fröhliche Wissenschaft bei Matthes & Seitz erscheinen.

    
    

Freitag, 6. September 2013

Der Holtrop-Effekt





Montag, 5. August 2013

Der Eingeschlossene


















Während die Kommunarden geschlachtet werden, sitzt der Eingeschlossene auf Fort Ta[u]reau, einem Felsen im Meer.
Er äußert sich nicht. Er betrachtet den Himmel, einen Ko-
meten-Friedhof. Dann setzt er sich, in seinen schwarzen
Kleidern, an den Tisch in seiner Zelle, nimmt die Feder und
schreibt:

Was ich in diesem Augenblick niederschreibe, in einer Zelle

auf Fort Ta[u]reau, das schrieb ich auf Milliarden von Erden
und werde es dort in alle Ewigkeit schreiben, und zwar auf
einem Tisch, mit einer Feder und in Kleidern, die mit den
meinigen vollkommen identisch sind.

Hans Magnus Enzensberger, „Louis Auguste Blanqui. 1805-1881“,

in: Mausoleum, Frankfurt am Main 1975.

Freitag, 5. Juli 2013

Das neue Berlin


















Zheng Chaolin: Siebzig Jahre Rebell, Frankfurt, 1991.

Der chinesische Trotzkist Zheng Chaolin, der 1923 von Paris nach Moskau fuhr, berichtete in seinen Memoiren Siebzig Jahre Rebell: "Ich wohnte in der Kantstrasse in Charlottenburg. Charlottenburg gehörte zum neuen Berlin. Wollte man in das alte Berlin, mußte man durch einen Wald hindurch; aber es gab eine U- und eine S-Bahn. In Frankreich habe ich nie in einer so schönen Wohnung gewohnt; aber nicht nur ich, sondern alle Studenten haben niemals in Frankreich in einer so hübschen Wohnung gewohnt. Die Vermieterin war eine Offizierswitwe; sie hatte eine Tochter, die jeden Tag in der guten Stube Klavier spielte. Um ihr Einkommen aufzubessern, vermieteten sie die besten Zimmer an Ausländer."

Donnerstag, 20. Juni 2013

Hölderlin-Gedächtnis-Preis 2013


















„Was immer Rainald Goetz schreibt: es rockt. Der ‚angry
young man‘ der ‚Räuber‘ ebenso wie der späte ästhetische
Menschenerzieher Schiller hätten seine [sic!] helle Freude
an ihm gehabt“, so die Jury unter Vorsitz von Kunststaats-
sekretär Jürgen Walter. Wie die baden-württembergische
Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst
Theresia Bauer heute in Stuttgart erklärte, sei Goetz einer
der wenigen Schriftsteller, der — bereits 1989 — sowohl die
Fördergabe als nun auch den mit 25.000 Euro dotierten Eh-
renpreis des Schiller-Gedächtnis-Preises erhält.

In der Begründung der Jury heißt es, Rainald Goetz sei, was
es in der deutschen Literatur nur höchst selten gab und ge-
be: nämlich Kult. Er habe — lange bevor die „Pop-Literatur
aufgekommen sei — mit Rave bereits den ersten Techno-Ro-
man geschrieben. Zudem habe er in einer Zeit, als Bloggen
noch nicht Mode gewesen sei, mit Abfall für alle das Inter-
net literaturfähig gemacht. Zuletzt habe Rainald Goetz mit
seinem Roman Johann Holtrop die klarsichtigste Psychopa-
thologie der Wirtschaftswelt vorgelegt, die die deutsche Ge-
genwartsliteratur bislang hervorgebracht habe.

Zwei Wochen ist es her, dass die Freunde deutscher Sprache
und Dichtung auf den Boden literaturbetrieblicher Tatsachen
geholt wurden. Irrigerweise hatten sie der Jury des Büchner-
Preises die nötige Pietät unterstellt, mit der Wahl des Preis-
trägers auch den Namensgeber des Preises zu ehren. Immer-
hin jährt sich dessen Geburtstag im Oktober zum 200. Mal.
Und da wäre nur einer in Frage gekommen: Rainald Goetz. Es
sollte anders kommen. Die Wahl fiel auf eine paar Wochen vor
Goetz während der Schlacht von Điện Biên Phủ als Tochter ei-
nes Arztes geborene Schriftstellerin, die im selben Verlag un-
ter Vertrag steht: Sibylle Lewitscharoff.

Doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Während
sie ihre Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen unter dem
Titel Vom Guten, Wahren und Schönen veröffentlicht hat, lau-
tete der Titel von Goetz’ Antrittsvorlesung der Heiner Müller-
Gastprofessur für deutschsprachige Poetik: leben und schreiben.
der existenzauftrag der schrift. Und jetzt bestraft man Goetz
mit dem Schiller-Gedächtnis-Preis und begründet das Urteil mit
übelster Idiotenprosa. Es gibt nur einen Weg, diesen Justizirrtum
wieder gutzumachen: die Umbenennung. Der Schiller-Gedächtnis-
Preis heiße fortan Hölderlin-Gedächtnis-Preis, der Büchner-Preis 
rückwirkend ab 2007, oder besser noch ab 1965 Peinsack-Preis.
Die Rückgabe ist — wie man seit 1999 weiß — jedem freigestellt.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Siebzig verweht


















Wäre Friedrich Kittler nicht am 18. Oktober 2011 gestor-
ben, könnte er heute seinen 70. Geburtstag feiern. Gerne
denke ich an die Zeit zurück, als Kittler die Ruhr-Universi-
tät Bochum verließ, um den Lehrstuhl für Ästhetik und Ge-
schichte der Medien der Humboldt-Universität Berlin zu be-
ziehen. Zwanzig Jahre ist das nun her, Kittler hatte gerade
sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet und sollte im Novem-
ber den Siemens-Medienkunstpreis des Zentrums für Kunst
und Medientechnologie in Karlsruhe für seine Forschungen
auf dem Gebiet der Medientheorie erhalten. Auf dem Foto,
das wohl von Katrin Paul stammt, unterhält er sich mit dem
Jurymitglied Wulf Herzogenrath. Im Vordergrund sitzt Bill
Viola, der den Medienkunstpreis für seine Arbeiten auf dem
Gebiet der Medienkunst erhielt.

Siebzehn Jahre später, gleiche Stadt, gleicher Monat: Am 9.

November 2010 hält Peter Sloterdijk in seinem Tagebuch fest,
dass „Hubert seine Freunde Bredekamp, Belting, Brock, Kittler,
Ullrich und [ihn] auf dem Karlsruher Podium versammelt [habe],
um in heiterer urbaner Atmosphäre [ihr] Buch In medias res zu
präsentieren“. In den im August 2012 unter dem Titel Zeilen und
Tage erschienenen Auszügen aus Sloterdijks Notizheften schließt
sich eine Evaluation der Performance Kittlers an, die man durch-
aus als schonungslos bezeichnen darf: 

„In einem rührenden Moment bot Kittler mir nach langen Jahren

das Du an, wobei er sich auf das Vorrecht des Älteren berief. Er
ist sichtlich in sehr zerbrechlicher Verfassung, physisch und men-
tal. Die Analogie seiner Lage zu Nietzsches innerer Drift springt
ins Auge. Lang ist es her, daß er mit seinem dorischen Intellektu-
alismus für die apollinische Seite Partei ergriff. Spät streckte der
Rationalist vor dem Widersacher die Waffen, jetzt siegt sich Dio-
nysos in ihm mit Wein, Musik und Delir zu Tode.“

DEMORTUISNILNISIBENE