Sonntag, 16. November 2008

Flora Petrinsularis


"Die Unthätigkeit (oisiveté), welche ich liebe, ist nicht die eines
Faulenzers (fainéant), der mit übereinandergeschlagnen Armen,
in gänzlicher Erstarrung (inaction totale) dasitzt, und eben so
wenig denkt, als er thut. Es ist zugleich die eines Kindes, das
immer in Bewegung ist, ohne etwas zu beschicken (pour ne rien
faire), und die eines Schwätzers (radoteur), der mit seinen Ge-
danken umherschweift, indeß seine Arme ruhig bleiben. Ich mag
gern mich mit Kleinigkeiten beschäftigen (j'aime à m'occuper à
faire des riens
), hundert Dinge anfangen, und kein einziges voll-
führen (achever), gehn und kommen, wie mir mein Kopf die Grille
eingiebt, jeden Augenblick einen andern Entwurf machen (changer
de projet), eine Fliege in allen ihren Beschäftigungen verfolgen,
denken, wie ich einen Felsen ausgraben wollte, um zu sehn, was
darunter liegt, ein Geschäft von zehn Jahren mit Eifer anfangen
(entreprendre un travail de dix ans), und es ohne Reue nach zehn
Minuten wieder aufgeben (abandonner), mit Einem Worte! den
ganzen Tag hindurch ohne Ordnung und ohne Folge arbeiten (muser
toute la journée sans ordre et san suite), und in allen Dingen nur
der Grille des Augenblicks (caprice du moment) folgen."

Zu den ergiebigsten Fundstellen der Archäologie der deutschen
Übersetzungen des französischen Wortes désœuvrement zählen
Rousseaus
Bekenntnisse, in denen es sechsmal auftaucht. Die
Confessions erschienen bekanntlich erst nach Rousseaus Tod:
1782 das erste bis sechste Buch, 1788 das siebte bis zwölfte. Sie
wurden umgehend ins Deutsche übertragen. Noch
im selben Jahr
wie die französische Ausgabe
erschien der erste Teil in Berlin bei
Johann Friedrich Unger. Sowohl das Startkapital für dessen Verlag
als auch die Übersetzung stammten von der Frau des Verlegers:
Friederike Helene Unger. Den ebenfalls von Unger verlegten zweiten
Band (Berlin 1790) hatte dann Adolph Freiherr Knigge ins Deutsche
übertragen. Das vorangestellte Zitat findet sich im zwölften Buch.

"Die Kräuterkunde, so wie ich sie immer betrachtet habe, und so
wie sie anfieng zur Leidenschaft bey mir zu werden, war gerade
ein Studium von so unthätiger Art (étude oiseuse), fähig die ganze
Leere meiner müßigen Stunden (le vide mes loisirs) auszufüllen,
ohne darinn Raum für die Schwärmerey der Einbildungskraft (délire
de l'imagination), noch für die Langeweile eines ganz geschäftlosen
Lebens (ennui d'un désœuvrement total) zu lassen. Nachläßig in
Wäldern und auf Wiesen herumirren (errer nonchalamment); ohne
Bedacht (machinalement) dies und jenes aufnehmen, bald eine
Blume, bald einen Zweig; es dem Ungefähr überlassen, meinem
Hunger nach Kenntnissen Nahrung zu verschaffen (brouter mon foin
presque au hasard); tausend- und wieder tausendmal dieselben
Dinge beobachten, und immer mit gleichem Interesse, weil ich sie
jedesmal wieder vergaß; das war das Mittel, eine Ewigkeit hinzu-
bringen, ohne je einen Augenblick Langeweile haben zu können."